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Wunderprodukt Joghurt? : Die Bakterienkultur

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Gern würde die Lebensmittelindustrie immer mehr Produkte mit gesundheitsfördernden Zusatzstoffen auf den Markt bringen und sie mit Versprechen bewerben, wie dass der Verzehr einem Schlaganfall vorbeuge, dass er das Risiko für überhöhten Blutdruck, Hautalterung, Osteoporose, Diabetes, Fettleibigkeit oder Alzheimer mindere. Der „personalisierten Ernährung“ wird eine große Zukunft vorhergesagt, also Nahrungsmitteln, die auf den Nährwertbedarf des Einzelnen abgestimmt sind. Fruchtsäfte enthalten zunehmend antioxidative Pflanzenstoffe, andere Nahrungsmittel zugesetzte Omega-3-Fettsäuren. Und in Ländern, die größere Hoffnungen auf die Gentechnik setzen als Deutschland, soll etwa „goldener Reis“, der viel mehr Betacarotin enthält als gewöhnlicher, Mangelerscheinungen lindern.

Gute und gut darstellbare Taten

Obwohl sich Berichte über Lebensmitteltrends schon seit Jahren wie Science Fiction-Romane lesen, scheint im Supermarkt davon noch nicht viel angekommen zu sein. Die Lebensmitteltrends beschäftigen dafür schon jetzt Hunderte echte Beamte. Mehr als 400 Mitarbeiter sind in der Behörde für Europäische Lebensmittelsicherheit (Efsa) damit beschäftigt, die mehr als 4000 bisher eingegangenen Anträge auf sogenannte „Health Claims“ zu bearbeiten, 1500 externe Wissenschaftler arbeiten als Gutachter mit. In Europa regelt die sogenannte „Health Claims“-Verordnung, welche Gesundheitsversprechen in der Werbung zulässig sind, in Deutschland gibt es weitere gesetzliche Regelungen. Damit ein Hersteller für Lebensmittel einen gesundheitlichen Zusatznutzen ausweisen darf, muss die Efsa diesen Nutzen als wissenschaftlich erwiesen ansehen. In der EU-Verordnung ist auch detailliert geregelt, wie solche Werbebotschaften formuliert sein dürfen. Und die Hersteller sind dazu verpflichtet, dazu allgemeine Aussagen anzugeben, wie dass eine unausgewogene Ernährung und wenig Bewegung weitere Risikofaktoren seien. Hunderte Gutachten der Efsa finden sich schon jetzt auf deren Internetseite, etwa ein von 21 Wissenschaftlern verfasstes Papier zur Frage, ob der Konsum größerer Mengen an Wasser das Risiko reduziere, dass ein Mensch dehydriert und damit seine Leistungsfähigkeit abfällt. Kürzlich lehnte die Efsa einen Anrag von Danone ab – das Unternehmen konnte nicht beweisen, dass Actimel Durchfall vorbeuge. Die EU-Verordnung gestattet aber weiterhin traditionelle Produktbezeichnungen. Etwa „Hustenbonbon“.

Auf dem Joghurtetikett dürfte es künftig noch enger werden. Neben den vorgeschriebenen Erklärungstexten für gesundheitsbezogene Werbeslogans, der immer noch wachsenden Anzahl von Labels (von gentechnikfrei bis vegan) oder Öko-Siegeln, wird zunehmend auch auf die Wohltaten der Konzerne hingewiesen. Denn wichtiger als die Gesundheit sei auch in dieser Branche mittlerweile das Thema Nachhaltigkeit, sagt Brigitte Arndt-Rausch von Nielsen. Die Konzerne übertreffen sich also in guten und gut darstellbaren Taten. Sie spenden Geld für Klimaschutzprojekte, stellen in Indien verlustträchtig nährstoffreiche Joghurts für arme Kinder her oder lassen Brunnen in Afrika bauen. Kommende Woche wird Danone den ersten Joghurtbecher aus nachwachsenden Rohstoffen vorstellen.

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