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Wolfgang Schäuble : Angst geht um im Finanzministerium

  • -Aktualisiert am

Geheimniskrämer: Wolfgang Schäuble Bild: ddp

Wolfgang Schäuble regiert sein Haus mit großer Härte und angeborenem Misstrauen. Nur wenige haben Zugang zu ihm. Das schafft eine Atmosphäre des Schreckens - nicht erst seit der öffentlichen Demontage seines Sprechers.

          Das Bundesfinanzministerium war nie ein anheimelnder Ort. Im ehemaligen Protzbau der Nazis in der Berliner Wilhelmstraße könnten selbst geniale Innenarchitekten keine gute Atmosphäre schaffen. Gegenwärtig ist die Stimmung noch düsterer, selbst mittags in der Kantine gleichen die Gespräche einem ängstlich gedämpften Getuschel. Das ist kein Wunder, wenn man einen Chef wie Wolfgang Schäuble (CDU) hat, der erst mit sardonischem Grinsen seinen Pressesprecher Michael Offer vor laufender Kamera abkanzelt und sich nach dessen Rücktritt nur zu drei dürren Sätzen bequemt (siehe Schäubles Sprecher tritt ab: Der Schweiger des Ministers).

          Ein Ministerium ist zwar kein Wohlfühl-Verein, doch eine miese Stimmung ist schlecht für ein Ressort, das in der Finanz- und Schuldenkrise wichtiger denn je ist. Auch eine Behörde funktioniert wie ein Team. Die Mitarbeiter freuen sich, wenn ihr Minister Bälle im Netz versenkt, möglichst viele politische Punkte macht – ob es nun gegen die Kanzlerin oder gegen andere, geldgierige Ressorts geht.

          „Hier herrscht ein Klima der Angst“

          Wegen seiner Klinikaufenthalte fiel Schäuble in diesem Jahr wochenlang aus (siehe Wolfgang Schäuble: Mit Laptop und Telefon). Schon das drückte auf die Stimmung, lähmte das Amt. Gleichwohl war der Finanzminister mit seinem Sparpaket keineswegs der Schlechteste im schwarz-gelben Team. Doch die Affäre Offer hat Schäuble enorm geschadet. Selbst in der CDU fragt man sich, wie lange dieser durch Krankheit und Schicksal geschwächte Mann den Stress noch ertragen kann.

          Öffentlich abgekanzelt: Schäuble und sein ehemaliger Sprecher Michael Offer

          Wer sich im Ministerium umhört, spürt eine große Verunsicherung. „Hier herrscht ein Klima der Angst“, sagt ein Beamter. Er ist SPD-Mitglied – wie so viele in diesem Haus, das zwischen 1998 und 2009 drei sozialdemokratische Chefs hatte (Oskar Lafontaine, Hans Eichel und Peer Steinbrück). Aber auch Beamte mit CDU-Parteibuch sind empört oder zumindest betreten: „So kann man nicht mit Menschen umgehen.“ Oder: „Solche Ausraster machen den Mann noch einsamer.“ Schäuble werde jetzt noch misstrauischer, prophezeit ein hoher Beamter, werde noch stärker darauf achten, alles unter Kontrolle zu behalten. Aus seinen Worten spricht Steinbrück-Nostalgie.

          Ein notorischer Besserwisser

          Im Vergleich zu Schäuble war Steinbrück ein Teamplayer. Er hatte einen Kreis von acht bis zehn Leuten, denen er vertraute. Daher wirkte auch sein Pressesprecher Torsten Albig in der Finanzkrise 2008 so souverän, denn er konnte glaubhaft die Führung des Hauses personifizieren. Albig, heute Oberbürgermeister in Kiel, machte in dieser hektischen Zeit auch Fehler, was bei dem flotten Stil Steinbrücks nicht zu vermeiden war. Er wurde aber nie öffentlich abgebürstet. Steinbrück tobt lieber, wenn die Kameras ausgeschaltet sind.

          Schäubles Führungsstil ist autoritärer. Er war schon vor dem Attentat ein notorischer Besserwisser. Selbst bei engen Mitarbeitern dosiert er den Informationsfluss, damit nicht andere Ressorts – und nicht einmal das Kanzleramt – zu viel erfahren. An die Medien darf schon gar nichts durchsickern. „Er ist ein extrem misstrauischer Mensch“, sagt ein Beamter. Das sei eine Frage des Charakters, aber auch eine Folge der politischen „Verletzungen“, die ihm in seiner langen Karriere von Helmut Kohl und Angela Merkel zugefügt wurden. Sein Parlamentarischer Staatssekretär Hartmut Koschyk formuliert es so: „Schäuble hasst Illoyalität, Indiskretion und Inkompetenz.“

          Er ahnt, dass er nicht mehr lange im Amt bleibt

          Eine Methode Schäubles, Mitarbeiter zu verunsichern, besteht darin, sie lange schmoren zu lassen. Das geht so: Ein Beamter unterbreitet dem Minister eine Vorlage und macht einen Vorschlag, wie man etwa Banker-Boni begrenzen oder neue Finanzmarkt-Regeln formulieren sollte. Danach hört er lange nichts vom Chef. Oft kommen die Akten ohne einen Haken in Grün zurück, der Farbe des Ministers. An Lob ist erst recht nicht zu denken. „Das ist die Methode der Macht, Mitarbeiter bewusst im Ungewissen zu lassen“, klagt ein Beamter.

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