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Wohlstand : Ein Hoch auf das Wachstum

  • -Aktualisiert am

Bild: Dieter Rüchel

Mehr Wohlstand? Brauchen wir nicht! So unken jetzt überall die Weltuntergangspropheten wie der Bestsellerautor Richard David Precht. Mit alten Parolen ziehen sie gegen Wirtschaftswachstum und Fortschritt zu Felde.

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          Wenn die Thesen schon nicht knackfrisch sind, dann hilft wenigstens ein hübsches Gesicht. Das Hemd weit geöffnet, stürzt sich der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht auf die Ökonomie und erklärt, wie Markt und Moral sich vertragen. Schlecht nämlich, urteilt er und greift tief in die 70er-Jahre-Kiste: „Wir vergiften die Atmosphäre, plündern den Planeten.“ So oder ähnlich gehört das zum Standardrepertoire aller Katastrophenpropheten seit dem Club-of-Rome-Aufschrei (“Die Grenzen des Wachstums“) vor bald 40 Jahren. Nun ist der Weltuntergang bisher gottlob ausgefallen, auch Wälder und Flüsse halten sich tapferer als befürchtet.

          Und doch entfaltet sich eine seltsame Lust am Grusel: Die Welt ist schlecht. Die Welt ist ungerecht. Und alles endet böse. Ganz bestimmt. So schallt es aus Talkshows und den einschlägigen Podien. Alt gewordene Skeptiker, von altlinks bis konservativ, melden sich zu Wort, und mittendrin, als junge Entdeckung, dafür aber permanent, der Vielzweck-Philosoph Precht. „Ich halte im Jahr 100 Vorträge, alle frei und zu verschiedenen Themen“, sagt der Mann, der sogar von der FDP gebucht wird, um seine Kapitalismuskritik abzuladen. Lange kann das mit dem Wachstum nicht mehr gutgehen, erklingt der immer gleiche Refrain. „Wir rasen mit hoher Geschwindigkeit auf eine Mauer zu“, sagt der Sozialpsychologe Harald Welzer, noch einer aus der Riege der Apokalyptiker.

          Das BIP misst nicht das Volksglück

          Zum Glück hört die Wirklichkeit nicht auf das Kommando der Untergangspropheten. Sosehr sie sich ergötzt haben an einstürzenden Banken: Das „System“, wie sie es nennen, hat überlebt. Schade eigentlich. Die Lehman-Pleite hat uns nicht in die Steinzeit zurückversetzt, aus uns wurde kein Volk von Bauern, die auf der eigenen Scholle ihre Knolle ziehen. Die Abgesänge auf die Marktwirtschaft waren voreilig, die Fabriken brummen wieder, Auto- und Chemieindustrie ziehen Deutschland aus der Krise, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst, die Menschen finden Beschäftigung, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne steigen. Nur die Kulturpessimisten nölen: Wenn es dieses Mal noch gutging, dann kommt es nächstes Mal umso schlimmer.

          Möchte das  „künstlich befeuerte Wachstumsrad zum Stillstand” bringen: Richard David Precht
          Möchte das „künstlich befeuerte Wachstumsrad zum Stillstand” bringen: Richard David Precht :

          Ihre Kritik setzt an bei der Statistik. Sie bezweifeln, dass das BIP, die Summe aller Waren und Dienstleistungen, als Maßstab für Wohlstand taugt. Die Zufriedenheit der Leute werde nicht erfasst, wenden sie ein, was stimmt, aber nie der Anspruch war: Das BIP bemisst das Volkseinkommen, nicht das Volksglück - nur bestehen da gewisse Zusammenhänge.

          Als Konsequenz verlangen die Wohlstandskritiker, entweder dem König von Bhutan zu folgen, der für seine Untertanen einen Glücksindikator ausrechnet, oder zumindest ein noch näher zu definierendes „qualitatives Wachstum“ einzuführen. Da ihnen rauchende Schornsteine tendenziell ungeheuer sind, wäre jede geschlossene Fabrik ein „qualitativer Fortschritt“.

          „Ein Mehr an materiellem Wohlstand darf nicht sein“

          Nur, um es einmal auszusprechen: Nie zuvor ging es weiten Teilen der Menschheit so prächtig wie heute. Der Wohlstand hat in den vergangenen 250 Jahren, seit Beginn der Industrialisierung, dramatisch zugenommen: Die Menschen leben besser, länger, gesünder. Und wer wollte den Hungernden und Ausgebeuteten in Afrika oder Asien die Möglichkeit nehmen, aufzuholen? Wie soll das Elend sich lindern ohne wirtschaftliche Dynamik? Es geht auch ohne Wachstum, Schluss damit, fordert dagegen eine wohlstandsverwöhnte Fraktion im Westen. Richard David Precht setzt sich offen dafür ein, das „künstlich befeuerte Wachstumsrad zum Stillstand“ zu bringen: „Ein Mehr an materiellem Wohlstand muss nicht sein und darf nicht sein.“ Was wohl der chinesische Wanderarbeiter dazu sagen würde? Oder der indische Bauer? Oder nur der Hartz-IV-Empfänger in Lüdenscheid?

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