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Putins Männer : Wem gehört Russland?

Putin hat das geschehen lassen. Denn zum System gehört es auch, dass die eigenen Leute gut versorgt sind. Seine Freunde aus dem KGB, der Petersburger Stadtverwaltung und der früheren Datschen-Kooperative Osero (See) nördlich von St. Petersburg hat der Präsident gut untergebracht. Sein Kumpel Jurij Kowaltschuk aus der Datschen-Gemeinschaft ist führend in der St. Petersburger Bank Rossiya tätig und gilt als Milliardär. Putins früherer Judo-Lehrer Arkadij Rotenberg hat zusammen mit seinem Bruder Boris als Bauunternehmer die ersten Milliarden gemacht. Und Putins enger Freund aus Petersburger Zeiten, Gennadij Timtschenko, gehört mit einem geschätzten Vermögen von 14 Milliarden Dollar gar zu den reichsten Männern Russlands.

Keine Kleptokratie in Russland

Doch Putins Mannschaft ist keine Truppe von Staatsoligarchen, denen es nur um die Pfründe geht. Oder wie es der bulgarische Politologe Ivan Krastev kürzlich sagte: „Man kann korrupt sein und gleichzeitig eine Mission haben. Wenn es nur darum ginge, sich zu bereichern, hätte der Kreml nicht die Krim annektiert. Wer schon ein paar Milliarden zusammengerafft hat, kann durchaus beginnen, sich Gedanken über seinen Platz in den Geschichtsbüchern zu machen.“

Es ist eine Fehlwahrnehmung des Westens, Putins Herrschaftssystem als Kleptokratie zu beschreiben, wie es die amerikanische Wissenschaftlerin Karen Dawisha kürzlich in einem aufsehenerregenden Buch getan hat. Die Sache ist ernster. Putin und seine Mannschaft glauben an eine Mission, an der sie seit Jahren festhalten und die sie mit großer Beharrlichkeit verfolgen. Sie wollen die russische Nation ideologisch erneuern auf der Grundlage des Nationalismus und der Orthodoxie. Sie wollen Osteuropa und die Länder der ehemaligen Sowjetunion dominieren und dafür eine Eurasische Union schaffen. Sie wollen die westeuropäischen Demokratien herausfordern, sie politisch abhängig machen und die Europäische Union spalten. Sie wollen eine neue Weltordnung etablieren, in der nach einer Schwächephase der Vereinigten Staaten Russland wieder den Platz einnimmt, der ihm gebührt.

Dafür haben sie im Innern die Daumenschrauben angezogen, die Opposition kaltgestellt, die Nichtregierungsorganisationen unter Druck gesetzt. Dafür haben sie die russische Armee modernisiert, so erfolgreich, dass es in manchen Sparten wie der Raketentechnologie kaum Vergleichbares im Westen gibt. Putin hat als Erstes die strategischen Raketenstreitkräfte modernisieren lassen, die allein der nuklearen Abschreckung dienen und hoffentlich nie zum Einsatz kommen. Es ist, ökonomisch betrachtet, ein unrentables Rüstungsprojekt – eine Kleptokratie würde so nie vorgehen. Sie würde die Nuklearwaffen aufgeben und die Armee verkommen lassen, wie es die Ukraine gemacht hat. Putin hingegen will Russland wieder zur militärischen Großmacht machen.

Der Westen hat den Fehler gemacht, dieses Vorgehen Putins und seiner Leute zu ignorieren. Und er hat sein ökonomisches Denken auf Russland übertragen – ein Land, das ganz anderen Regeln folgt und von dem der Westen meist nur einen kleinen Ausschnitt mitbekommt. Schaut man sich das Pro-Kopf-Einkommen an, dann ist Russland ein Zwerg, mit einer kleinen Gruppe von sehr Reichen, einem schmalen Mittelstand und sehr vielen Armen. Doch Russland, das zwischen dem Hightech-Zeitalter des 21. Jahrhunderts und Zuständen wie im Mittelalter lebt, entzieht sich solchen Kategorien. Es ist kein Land mehr mit Oligarchen. Zum Glück. Dafür ist es eine Diktatur des Geheimdienstes geworden. Das macht es so gefährlich. Für uns, den Westen. Denn wenn es um Russland geht, dann geht es heute um Krieg und Frieden.

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