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Wirtschaftskriminalität : Waldbrände sind ein heißes Geschäft

Von wegen die Tat eines Irren: Schutzgeld-Erpressung nährt Waldbrände wie hier im Ort Cefalu auf Sizilien Bild: AFP

In Italien brennen die Wälder - und das organisierte Verbrechen kassiert ab. Doch das Geschäft hat sich verändert: Früher ging es um Platz für Immobilienprojekte. Heute ist Schutzgeld-Erpressung lukrativer.

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          In diesem Jahr wüten in Italien die Brände besonders nahe an den Siedlungen und den Unterkünften von Urlaubern. Am Freitag musste in der Nähe von Palermo ein ganzes Dorf evakuiert werden. Am Morgen waren in ganz Süditalien 55 Brände gezählt worden, davon allein 21 Feuer in Sizilien. In einem Fall hatte sich eine Feuerfront von 10 Kilometern entwickelt.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          In Sizilien brannte auf diese Weise vor drei Tagen im Inneren der Insel bei Patti ein „Agriturismo“, eine bäuerliche Landpension ab. Es gab drei Todesopfer. Die Flammen erreichten auch die Stadtgrenze des nordsizilianischen Badeortes Cefalu, wo bereits mit der Evakuierung des Krankenhauses begonnen werden musste, bevor dann doch diverse Buschbrände am Stadtrand gelöscht werden konnten. Von Flammen bedroht waren während der vergangenen Tage einige Dörfer des Cilento, der Küstenregion südlich von Salerno.

          Mehr als 200 Brände an einzelnen Tagen

          Die bisher größte Feuerkatastrophe des Jahres suchte jedoch im Juli den apulischen Badeort Peschici an der Adriaküste heim. Dabei reichte das Feuer bis an den Strand, wo zwei Opfer erstickten. Zwei weitere Brandopfer wurden dort später in der Umgebung gefunden. Insgesamt gab es in diesem Jahr bereits zwölf Tote wegen der verbreiteten Brände, während Italien in früheren Jahren manchmal sogar trotz großer Brände ohne Opfer davongekommen war.

          Allein gegen die Flammen: Mann flieht vor dem Feuer in Cefalu auf Sizilien

          Nachdem nun an einzelnen Tagen mehr als 200 Brände gezählt wurden und bisher an die 800 Quadratkilometer Fläche verbrannten, streiten sich die Italiener nicht nur um Unzulänglichkeiten in der Bekämpfung der Feuer, sondern auch über die Ursachen. Zwar ist in den Medien viel von „Pyromanen“ die Rede, die in geistiger Umnachtung oder als Lust am Spektakel Feuer legen.

          Wirtschaftliche Interessen

          Doch weit bedeutender sind wirtschaftliche Interessen für die Brände, die zum größten Teil vorsätzlich gelegt wurden. Die traditionelle Denkart über die Ursachen ist indes überholt. Bauspekulanten machen sich rar, die ein Stück Land abfackeln, nur um dann dort Ferienhäuschen zu errichten. Von den Schäfern ist wenig zu sehen, die mit dem Abbrennen des Waldes neue Weiden schaffen wollen. Denn zumindest nach der Gesetzgebung aus dem Jahr 2000 darf nach einem Brand die Nutzungsart des Bodens nicht verändert werden.

          Für 15 Jahre ist eine Umwidmung von verbranntem Gelände verboten, weshalb Wälder wieder aufgeforstet werden müssen. Ausdrücklich wird auch vorgeschrieben, dass nach dem Feuer die betroffenen Grundstücke für zehn Jahre nicht bebaut werden dürfen.

          Bauverbote sind eine Einladung an Erpresser

          Allerdings halten sich viele Gemeindeverwaltungen nicht an die in Rom beschlossenen Vorschriften. Drei Viertel aller Gemeinden verzichteten bisher darauf, in den Landschaftsplänen festzuhalten, wo es gebrannt hat. Die Bauverbote werden damit formell nicht wirksam.

          Gegen die Unterstellungen, dass Bauspekulation die Ursache vieler Brände sei, wehrt sich allerdings die italienische Bauindustrie mit dem entgegengesetzten Argument: Das zehnjährige Bauverbot sei geradezu eine Einladung an die organisierte Kriminalität oder einzelne Erpresser, mit der Androhung von Feuer Schutzgeld zu erpressen. Wer also in der Gemeindeverwaltung einen Bauantrag stelle, der müsse schon vor dem Bau bezahlen, wolle er nicht auf Jahre auf sein Projekt verzichten.

          Wiederaufforstung ist lukrativ

          Die Brände betreffen nicht nur die Frage der Bebauung, sondern schaffen wirtschaftliche Vorteile auch für andere. Wo der Wald gebrannt hat, wird eine Wiederaufforstung nötig, nicht nur wegen der Gesetzesvorschriften, sondern auch zum Schutz vor Verkarstung der Landschaft oder vor Schlammlawinen aus den Bergen bis in die Dörfer.

          Daran soll gerade in Süditalien das organisierte Verbrechen immer wieder gut verdienen, entweder mit eigenen Unternehmen, geführt von Strohmännern, oder durch Schutzgelderpressung. Wie eine Einladung zum Anzünden der Wälder wirken in verschiedenen Regionen auch die Vorschriften für die Mitarbeiter der Forstverwaltung. Viele sind nur Teilzeitangestellte.

          Feuer schaffen Jobs beim Staatsforst

          Doch wenn es brennt, können sie darauf hoffen, einige Monate mehr Gehalt zu beziehen und womöglich für das ganze Jahr Rentenbeiträge bezahlt zu bekommen. Gerade in den Regionen Süditaliens ist aus der Forstverwaltung eine staatliche Versorgungsstation geworden, die auch die Funktion der - in Italien nicht existierenden - Sozialhilfe übernehmen soll.

          Für die Zahl der Stellen und die Einstellungen sind mehr die Kriterien der Klientelwirtschaft von Bedeutung als die Ökonomie im engeren Sinne: Während etwa die im Nordwesten gelegene Region Piemont für fast 10.000 Quadratkilometer Wald mit 240 festangestellten und 400 Teilzeitkräften auskommt, zählt Sizilien mit 3700 Quadratkilometern Waldfläche 700 festangestellte Mitarbeiter im „Corpo Forestale dello Stato“. Hinzu kommen noch 30.000 Kräfte, die nur für einige Monate arbeiten dürfen.

          Anreize gegen das Legen von Waldbränden

          In Italiens ärmster Region Kalabrien, mit 6300 Quadratkilometern Wald, zählt die Forstverwaltung 5000 festangestellte Mitarbeiter und 6200 Teilzeitkräfte. Für zeitweilige Ruhe sorgte allerdings in einem kalabrischen Naturpark ein System von wirtschaftlichen Anreizen: Die Teilzeitkräfte erhielten nur die Hälfte ihres Gehaltes sofort, die andere nur, wenn nach der Sommersaison weniger als ein Prozent der Waldfläche verbrannt war. Doch dieses System ist während der vergangenen Jahre in Kalabrien wieder aufgegeben worden.

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