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Wirtschaftskraft : Deutsch-französischer Rollentausch

Die Proteste gegen die Hartz-Reformen in Deutschland waren immer wieder groß. Gebracht haben die Reformen nach Ansicht von Fachleuten aber viel. Bild: ddp

Anfang des Jahrtausends war Deutschland der kranke Mann Europas. Dann kamen die Hartz-Reformen und veränderten alles. Heute kränkelt Frankreich. Deutschland dagegen plant die Rolle rückwärts.

          Es ist eine atemberaubende Übernahmeschlacht: Einer der wichtigsten Industriekonzerne des Landes steht vor dem Kauf durch einen ausländischen Konkurrenten. Der Deal erschüttert die Grundfesten der Volkswirtschaft: Gewerkschaften mobilisieren, sogar die Regierung schaltet sich ein, um zu retten, was zu retten ist. Ohne Erfolg - am 4. Februar 2000 stimmt der Mannesmann-Aufsichtsrat der Übernahme durch den Mobilfunkkonzern Vodafone zu.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          14 Jahre später gleichen sich die Szenen. Nur steht dieses Mal keine deutsche Industrie-Ikone zum Verkauf, sondern der französische Großkonzern Alstom. Wieder warnen die Gewerkschaften, wieder übt sich die Regierung in Schadensbegrenzung. Und wieder scheint sie auf verlorenem Posten zu stehen.

          Man könnte diese Parallele als Zufall abtun. Man kann sie aber auch als Sinnbild für einen erstaunlichen Rollentausch der beiden größten europäischen Volkswirtschaften, Deutschland und Frankreich, interpretieren. Es ist die Geschichte vom Aufstieg und Fall zweier Wirtschaftsnationen - die jenseits und diesseits des Rheins in entgegengesetzte Richtungen läuft: Während Deutschland nach Beginn der Hartz-Reformen im Jahr 2003 von Europas wachstumsschwächsten Land, vom „kranken Mann“ zum Wachstumsmotor aufgestiegen ist, titulieren Ökonomen wie der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, heute Frankreich als „kranken Mann“ Europas.

          1999 wurde Deutschland zum „kranken Mann“ erklärt

          Wer sich den geschwächten Zustand der deutschen Wirtschaft und die hohe strukturelle Arbeitslosigkeit in den Jahren vor den Hartz-Reformen ins Gedächtnis ruft, kann sich über den Rollentausch nur wundern. Im Jahr 1999 drückt das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“ der Bundesrepublik den Stempel des „kranken Mannes“ in Europa auf. Die Diagnose: zu hohe Lohnstückkosten, überregulierte Märkte, ein zu teurer Wohlfahrtsstaat. Ausgerechnet das Nachbarland Frankreich wurde Deutschland als Vorbild vorgehalten. Deutschland könne nicht geltend machen, dass es vergleichbaren Volkswirtschaften auch schlecht gehe, hieß es in dem Artikel: „Frankreich und mehrere kleinere Länder wachsen ziemlich komfortabel.“

          Zwischen 1995 und 2003 legte das französische Bruttoinlandsprodukt stets stärker zu als das deutsche. Früher habe Frankreich Komplexe wegen Deutschlands Stärke gehabt, diese seien nun der Sorge über die deutsche Schwäche gewichen, kommentierten damals französische Journalisten. Der Chef des Versicherungskonzerns Axa verglich Deutschland mit dem in der Krise steckenden Japan. Die Kommentare waren nicht hämisch gemeint, denn auch Frankreich hatte unter dem wirtschaftlichen Abstieg des östlichen Nachbarn zu leiden.

          Strukturelle Defizite schwächten die deutschen Unternehmen. Vorstände großer Unternehmen mussten Furcht vor feindlichen Übernahmen haben, hieß es in der Presse. Im Jahr 2003 werden einige Dax-Größen von den Medien als mögliches Übernahmeziel gehandelt: die Deutsche Bank, Bayer, Continental, Adidas, sogar Siemens. Die Lage ist angespannt - und der Druck wächst durch die Globalisierung, der es Unternehmen zunehmend leichter macht, kostengünstig außerhalb Deutschlands zu produzieren.

          Deutschland und Frankreich im Vergleich

          Als der Industrieverband DIHK vor zehn Jahren deutsche Unternehmen befragte, plante fast jedes vierte, zumindest einen Teil seiner Produktion ins Ausland zu verlagern. Der Chiphersteller Infineon erwog gerüchteweise seine Zentrale in die Schweiz zu verlagern, der Softwarekonzern SAP kündigte an, auf billige Entwicklungsstandorte wie Indien und Bulgarien ausweichen zu wollen. Es machte sogar kurz das Gerücht die Runde, Siemens könnte seine Zentrale von München nach Salzburg verlegen. Die steigende Arbeitslosigkeit im Land erhöhte den Druck auf die Politik, tiefgreifende Reformen einzuleiten. Die „Agenda 2010“ der Regierung des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder war die Antwort. Sie leitete in den Augen vieler Fachleute die Wende ein.

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