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Wirtschaftsforschung : Bildung besteht nicht nur aus Geld

In Deutschland werden immer mehr Akademiker ausgebildet. Bild: dpa

Ökonomische Logik ist nicht alles. Doch sie führt auch in der Bildung zu vernünftigen Gedanken. Es zeigt sich: Nur mehr Geld ausgeben nutzt nichts.

          Für die Wirtschaft ist Bildung ein wichtiges Thema, und auch Wirtschaftsforscher denken ausgiebig darüber nach, wie das Bildungssystem effektiver werden kann. Dies ruft freilich stets viele Kritiker auf den Plan: Man dürfe Bildung keinem Kosten-Nutzen-Kalkül unterziehen, heißt es dann. Das sei eine unzulässige Ökonomisierung.

          Ökonomen beschäftigen sich damit, ob sich eine Bildungsinvestition – im Vergleich zu einer anderen – lohnt. Das verträgt sich nicht mit einer Vorstellung, die viele von Bildung haben: dass sie nur der persönlichen Reifung dienen und zweckfrei sein soll. Für manche verbietet es sich grundsätzlich, in Kitas, Schulen und Hochschulen investierte Mittel nach betriebs- und volkswirtschaftlichen Kriterien zu überprüfen. Als sei es selbstverständlich, dass man in sie gar nicht genügend Geld stecken könne.

          Doch kann sich aus Steuergeld finanzierte Bildung dem Gebot der Wirtschaftlichkeit entziehen? Ein ganzes Staatswesen steckt in den Schulden, und Bildungspolitiker brauchen keine Rechenschaft darüber abzulegen, wie sie mit öffentlichen Mitteln umgehen? Das kann nicht richtig sein. Es gilt freilich die richtigen Maßstäbe für eine Bewertung zu finden, was schwierig ist. Die ökonomische Logik ist nicht alleingültig, doch sie führt auch in der Bildung zu vernünftigen Überlegungen.

          Bildung und Wohlstand hängen zusammen

          Was Ökonomen immer wieder betonen, ist der enge und positive Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau der Bevölkerung und dem wirtschaftlichen Wohlstand eines Landes. Sie rechnen und kommen zu dem Ergebnis, dass höher gebildete Menschen ein höheres Einkommen erzielen, dass sie wesentlich seltener arbeitslos und damit seltener arm sind. Diese Erkenntnisse führen zum Beispiel zu der Schlussfolgerung, es nutze einem Land wie Deutschland, das in einem harten internationalen Wettbewerb steht, dessen Bevölkerung schrumpft und das kaum über Rohstoffe verfügt, wenn die Zahl der akademisch gebildeten Menschen steige.

          Doch schon dieser wichtige Hinweis treibt manchen die Zornesröte ins Gesicht: Deshalb würden immer mehr Akademiker ausgebildet, ohne Rücksicht auf das Niveau; es müsse doch nicht jeder studieren. Das hat freilich auch kein Ökonom jemals behauptet. Die individuellen Entscheidungen sind zu respektieren; das gehört zum ökonomischen Denken.

          Was Wirtschaftsforscher vor allem beschäftigt, ist die Tatsache, dass zu viele Menschen nicht das Bildungsniveau erreichen, das sie erreichen können und gerne erreichten. Dabei wird selbstverständlich nicht verlangt, ein Aufstieg durch Bildung solle auf Kosten des Niveaus gehen. In Zeiten internationaler Leistungsvergleiche, die Ökonomen befürworten, zeigte sich rasch, wenn deutsche Absolventen zurückfielen. Vernünftig ist zu überlegen, wie Talente besser entdeckt und gefördert, wie Unterricht und Lehre verbessert werden können. Das treibt Bildungsökonomen um – und übrigens auch Pädagogen.

          Wettlauf der Ideen

          Was Wirtschaftswissenschaftler seltener fordern als viele andere, ist mehr Geld für die Bildung. Mit Geld kann nämlich nur wenig erreicht werden, wenn es an entscheidenden Stellen hakt, wenn es zum Beispiel nicht gelingt, das Bildungsniveau von Kindern aus bildungsfernen Familien zu verbessern, weil die Hilfe an der falschen Stelle ansetzt. Oder wenn damit mehr Computer angeschafft werden, diese aber im Unterricht nicht fruchtbar eingesetzt werden.

          Zur Förderung des allgemeinen Bildungsniveaus fordern Ökonomen mehr Wettbewerb und das Zulassen privater Initiative. Private und öffentliche Bildungseinrichtungen sollen in einen fruchtbaren Wettbewerb der Ideen miteinander eintreten. Doch dürfen Kinder aus ärmeren Familien nicht durch hohe Gebühren von Bildung ferngehalten werden. Deshalb plädieren Bildungsökonomen für Wettbewerb zwischen staatlichen und privaten Schulen und Hochschulen, aber bei staatlicher Finanzierung.

          Zum Wettbewerb der Ideen gehört auch, keine zu engen Vorstellungen über Unterrichtsinhalte zu haben. Ökonomen werden aber nicht selten verdächtigt, nur Inhalte zu befürworten, die im Berufsleben direkt zu verwerten sind. Das wäre tatsächlich eine unzulässige Übersteigerung wirtschaftlichen Denkens. Doch fordert kein Ökonom von Verstand, Fächer wie Musik und Kunst aus dem Lehrplan zu streichen. Er fordert auch nicht, an den Hochschulen die „Orchideenfächer“ abzuschaffen oder Forschung nur nach wirtschaftlicher Verwertbarkeit zu beurteilen.

          Gedacht wird in größeren Zusammenhängen. Zum Beispiel: Wann steigen Schul- und Hochschulabsolventen ins Berufsleben ein, und was bedeutet das für die Rente? Da hatte man vor Jahren festgestellt, dass der Berufseinstieg hierzulande sehr spät erfolgt, was in einer alternden Gesellschaft problematisch ist. Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G8) basiert deshalb zu einem nicht geringen Teil auf volkswirtschaftlichen Argumenten. Doch G8 ist von der Politik überstürzt und schlecht ins Werk gesetzt worden. Vielleicht sollten Ökonomen eines stärker berücksichtigen, wenn sie Vorschläge machen: das Versagen der Politik.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

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