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Wirtschaftsbeziehungen : Buhlen um Indien

  • -Aktualisiert am

Indiens Ministerpräsident Narendra Modi Bild: AP

Mit viel Geld will man in Peking Indien als wirtschaftlichen Bündnispartner gewinnen. So soll die Strategie Washingtons und Tokios, China einzuhegen, durchkreuzt werden.

          Vieles spricht dafür, dass sich die lange verfeindeten asiatischen Giganten China und Indien nun rasch annähern. Das würde das gesamte geostrategische Gefüge der Region verändern. In den ersten zwei Wochen nach seinem überwältigenden Wahlsieg in Indien hat der neue Ministerpräsident Narendra Modi eine Außenpolitik entwickelt, die von wirtschaftlichen Zwängen getrieben ist: Indien braucht Wachstum. Um dies zu erzeugen, ist ihm jeder Partner recht. Die chinesische Staatspresse schwärmt schon von einer „neuen Ära der sino-indischen Beziehungen“.

          Modi ist Pragmatiker. Er steht unter Druck, seine Wahlversprechen zu erfüllen. Deshalb streckt er seine Fühler in alle Richtungen aus. Der Zwist mit Washington scheint über Nacht beigelegt. „Let’s talk business, Uncle Sam“ lautet die Überschrift einer indischen Zeitung – frei übersetzt: „Lass uns über‘s Geschäft reden, Amerika.“ Denn die Inder wollen Waffen, Atomkraftwerke und Investitionen. Präsident Barack Obama seinerseits braucht die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens als Bündnispartner gegen Peking und als wachsenden Markt für seine Unternehmen. Modi wird im September in Amerika erwartet. Es spricht vieles dafür, dass die Zusammenarbeit der beiden großen Demokratien wiederbelebt werden wird.

          Peking muss seine Bündnispolitik überdenken

          Noch wagt niemand so recht zu glauben, dass Modi auch mit dem riesigen Partner im Nordosten den Ausgleich wird finden können – zu ernst sind die Grenzstreitigkeiten, zu bitter die Erinnerung an den kurzen Krieg 1962. Hinzu kommt der schwelende Streit um die Wasserversorgung Indiens aus den Flüssen Tibets, das die Chinesen besetzt halten.

          Doch werden Chinas Präsident Xi Jinping und Modi sich auf der Konferenz der führenden Schwellenländer BRIGS in Brasilien im Juli treffen, wohl auch im September dann in Delhi. Jenseits aller Konflikte sind die Chancen zu groß, um sie nicht auszuloten. Nach dem Desaster seiner Expansionspolitik im Süd- und Ostchinesischen Meer ist Peking gezwungen, seine Bündnispolitik zu überdenken. Das Vorpreschen der Amerikaner in Burma (Myanmar) hat Peking Einfluss und seinen sicher geglaubten Zugang zum Indischen Ozean gekostet. Modi braucht vor allem Chinas Geld, will er seine Wahlversprechen einlösen. Peking sitzt auf einem Devisenschatz von mehr als 3,8 Billionen Dollar. Die Chinesen ködern die Inder damit, den Ausbau von Häfen, Kraftwerken oder Straßen mit 300 Milliarden Dollar zu finanzieren, und bieten obendrein Kredite ihrer Staatsbanken mit an. Die Größenordnung zeigt sich beim Blick zurück: Alle chinesischen Investitionen im Nachbarland addieren sich bislang nur auf 460 Millionen Dollar. Es wäre die größte Auslandsinvestition in der Geschichte Indiens. Zugleich deckte der Betrag ein Drittel der 900 Milliarden Dollar, die Indien allein bis 2017 braucht, will es seine Infrastruktur so stärken, dass eine Wachstumsrate von 7 Prozent erreichbar wird. Auch würde Peking indischen Unternehmen wie Automobil- oder Softwarekonzernen einen breiteren Marktzugang gewähren. Das wiederum würde Modi erfolgreicher erscheinen lassen und seine Machtposition festigen.

          Es wirkt fast schon aufdringlich, wie Peking sein Geld den Indern andient. Schlucken die Inder den Köder aus China – und viel Auswahl bleibt ihnen nicht – bricht ein neues Zeitalter der bilateralen Beziehungen an. Es ist nicht lange her, dass Delhi Hutchison Whampoa, den Weltkonzern aus Hongkong und führenden Betreiber von Containerhäfen, als Investor ablehnte: Indische Handelshäfen seien strategischer Besitz und nicht für die verfeindete Atommacht offen, hieß es damals. Damit verspielte Indien eine große Chance.

          Im Interesse der Amerikaner kann eine Annäherung von Delhi und Peking nicht liegen. Sie schmieden von den Philippinen bis nach Afghanistan an einem antichinesischen Wall. Indien ist einer seiner wichtigen Steine. Modi aber scheint klug genug zu sein, alle Interessenten, die derzeit an seine Tür klopfen, gegeneinander auszuspielen. Russland, der traditionelle Partner Indiens, meldet sich vernehmlich, auch getrieben von der Ablehnung im Westen aufgrund des Ukraine-Konfliktes. Pakistans Ministerpräsident sendet Modis Mutter einen Sari, nachdem die beiden Regierungschefs der lange verfeindeten Nachbarstaaten gerade über Annäherung verhandelt haben. Japan, der langjährige Großinvestor in Indien und Verbündete Amerikas in Asien, wird versuchen, Chinas Einfluss zu bremsen. Auch das kommt Modi zupass. Denn nichts braucht er derzeit mehr als konkurrierende Investoren aus dem Ausland, die Indien ihre Aufwartung machen.

          Der auf der Weltbühne unbekannte Modi hat über Nacht alle Hebel in der Hand, das strategische Puzzle in Asien zugunsten Indiens neu zu sortieren. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt, schickt eine Annäherung Pekings und Delhis Wellen durch die ganze Region. Mit einer Diplomatie der tiefen Taschen könnte China neben Japan, Russland und Amerika einer der wichtigsten Partner für Indien werden. Mit seinem Geld könnte Peking die Strategie Washingtons und Tokios in Asien durchkreuzen, China einzuhegen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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