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Wirtschaftliche Bedeutung : Der kleine Preis der Ukraine

  • -Aktualisiert am

Soldaten in Privolnoye auf der Krim Bild: AP

Wirtschaftlich ist Russland kaum noch von der Ukraine abhängig. Nicht mal für den Gastransport ist sie noch entscheidend. Inzwischen sind auch andere Republiken durch Russland gefährdet.

          Russland scheint ein erstes Ziel erreicht zu haben, auch ohne offene Militärintervention: Die Krim wird von dem Kreml freundlich gesinnten Sicherheitskräften kontrolliert, seien sie verdeckte russische Soldaten oder nicht. Nachdem der Russland-hörige Präsident Viktor Janukowitsch vor einer Woche abgesetzt worden war, gab es für Moskau wenig Hoffnung, die Ukraine als Ganzes an sich zu binden. Was blieb, war sie bestmöglich zu destabilisieren und den bestehenden Einfluss in den östlichen Landesteilen und besonders der Halbinsel Krim zu zementieren.

          Viele Monate lang ging es dem Kreml primär darum, Kiew unter Androhung wirtschaftlicher Repression von der Unterzeichnung eines Assoziierungs- und Freihandelsabkommens mit der EU abzuhalten. Als eine Staatskrise folgte, die sich in den vergangenen Wochen zuspitze, verschärfte Moskau zusätzlich die politische Drohkulisse – bis hin zur Autorisierung eines Militäreinsatzes am Samstag.

          Dabei ließ sich der Kreml nie davon irritieren, ob mit einer Destabilisierung der Ukraine auch eigene Wirtschaftsinteressen gefährdet würden. Das hatte seinen Grund: Die Nachbarrepublik ist für Russland wirtschaftlich nicht mehr so relevant, wie sie es schon mal war.

          Russland ist selbst gut versorgt

          Im vergangenen Jahr wickelte Russland nur 6 Prozent seines Handels mit der Ukraine ab. Der Wert der russischen Ausfuhren, davon mehr als die Hälfte Energieträger wie Erdöl und Erdgas, betrug rund 23 Milliarden Dollar. Das ist viel verglichen mit der ukrainischen Wirtschaftsleistung von rund 180 Milliarden Dollar, aber wenig gegenüber dem russischen Bruttoinlandprodukt von 2000 Milliarden Dollar.

          Zwar exportiert die Ukraine mehr Güter nach Russland als in die EU, doch zu den wichtigsten zählen Basismetalle, mit denen das Rohstoffland Russland selber gut versorgt ist. Auch ukrainischer Stahl verliert an Relevanz: Erstens gibt es globale Überkapazitäten, zweites stockt Russland seine Produktionsanlagen auf. Es ist die Ukraine, die gegenüber Russland ein chronisches Handelsdefizit pflegt.Stört der Kreml die Wirtschaftsbeziehungen, hat er weitaus weniger zu verlieren.

          Eindeutig wichtig ist die Ukraine durch ihre Rolle für den Erdgasexport: Sie ist für Gasprom ein wichtiger und lukrativer Kunde, der 2012 rund 17 Prozent zum Betriebsergebnis des Erdgaskonzerns beisteuerte. Die Ukraine ist auf russisches Erdgas angewiesen, steht dafür aber in Moskau tief in der Kreide. Am Samstag erinnerte Gasprom wieder einmal an die ausstehenden Schulden. Ein Vertreter des russischen Energieministeriums sekundierte, es gebe wenig Sinn, die im Dezember (zur Belohnung für die Nichtunterzeichnung des EU-Abkommens) vereinbarte Preissenkung beizubehalten, wenn Kiew selbst die ermäßigten Rechnungen nicht begleiche. 1,7 Milliarden von insgesamt fälligen 3,3 Milliarden Dollar für Lieferungen im Jahr 2013 und im Januar 2014 habe der staatliche Energiekonzern Naftogas bezahlt, hieß es jüngst aus Kiew. Die Preisreduktion um mehr als ein Viertel muss jedes Quartal bestätigt werden.

          Moskau kann die Erdgas-Karte gut ausspielen, weil die Ukraine als Transitland für die noch profitableren Exporte nach Mitteleuropa eine immer geringere Rolle spielt. Anfang 2006 stoppte Russland die Einspeisung der für den ukrainischen Eigenbedarf gedachten Erdgasmengen, woraufhin auch in vielen westlichen Ländern weniger Erdgas ankam. Russland reklamierte, die Ukraine habe unerlaubt Gas für den Eigenbedarf entnommen. Doch für die von der EU gestützte neue Regierung in Kiew wäre es wohl schwierig, den Transit an die Partner (ohne deren Zustimmung) zu gefährden.

          Aber genau für solche Fälle hat Russland den Bau der Ostseepipeline Nord Stream durch die Ostsee vorangetrieben. Die Kapazität von Nord Stream liegt derzeit bei 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Das ukrainische Netz kann bis zu 150 Milliarden Kubikmeter nach Westen transportieren, aber die Auslastung sinkt ständig. Laut Branchenschätzungen werden nur noch rund die Hälfte der Europa-Exporte Gasproms durch die Ukraine geleitet. Frühestens 2018 soll auch die Pipeline South Stream durch das Schwarze Meer mit einer Kapazität von 63 Milliarden Kubikmeter pro Jahr einsatzbereit sein. Sie wird Ex-Sowjetrepubliken in Russlands Einflusssphäre noch angreifbarer machen.

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