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Türkei : Wirtschaftlich backt Erdogan kleine Brötchen

Nachdem die Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit der Türkei herabgestuft haben, erwarten immer mehr Banken einen Wachstumsrückgang. Wegen des „Down-gradings“ und wegen der „politischen Unsicherheiten“ prognostiziert Ozlem Derici, Analyst der Deniz Bank in Istanbul, für 2016 eine reale Ausweitung des BIP um 2,3 Prozent; nicht mehr um 3,1 Prozent wie zuvor. Das WIIW ist mit 3,3 Prozent zuversichtlicher.

Die Wiener erwarten überdies einen leichten Haushaltsüberschuss von 0,7 Prozent des BIP, während Derici wie 2015 minus 1,6 Prozent errechnet hat. Der Export dürfte zum ersten Mal seit 2013 wieder schrumpfen, im ersten Halbjahr betrug das Minus 2,6 Prozent. Das schlägt auf eine der Hauptschwierigkeiten der türkischen Wirtschaft durch, das hohe Leistungsbilanzdefizit. 2015 betrug es 4,5 Prozent des BIP. Ursprünglich hatte Derici eine ähnliche Unterdeckung auch für 2016 erwartet. Angesichts steigender Ölpreise und der schwachen Ausfuhr revidiert er seine Erwartungen jetzt aber auf 5,4 Prozent. 2017 könnten es sogar 6 Prozent werden, das wäre der schwächste Wert seit 2013. In den vom WIIW untersuchten Vergleichsländern ist die Lage nur auf dem Westbalkan düsterer.

Finanzkrise im Bereich des Möglichen

Was bedeutet all das für ausländische Unternehmen, etwa in Deutschland? Die Bundesrepublik ist der wichtigste Handelspartner der Türkei, stellt die meisten Urlauber und rangiert bei den Direktinvestitionen auf Rang sechs. Doch alle drei Felder schrumpfen. „Die Türkei kann es sich nicht erlauben, ausländische Investoren abzuschrecken“, sagt Leitner. „Je größer das Leistungsbilanzdefizit ist, desto mehr ist das Land von ausländischen Kapitalzuflüssen abhängig.“ Ankara muss dringend mehr Direktinvestitionen ins Land holen.

Doch haben die Turbulenzen der vergangenen Monate Leitner zufolge dazu geführt, dass die Zuflüsse auf den Wert des Krisenjahres 2010 gefallen sind. Zudem seien die privaten Haushalte hochverschuldet. Falls angesichts der Konjunktureintrübung die ohnehin hohe Arbeitslosenquote von 10 Prozent noch zunehme, könnte eine Flut uneinbringlicher Kredite die Folge sein: „Dann blüht der Türkei eine Finanzkrise.“ Die Regierung steuert gegen, indem sie etwa in der rückständigen Osttürkei Fabriken baut und schlüsselfertig und zu günstigen Preisen an Unternehmer weitergibt.

Ausländische Unternehmen besser geschützt als türkische

Die Staatsverschuldung ist mit rund 33 Prozent des BIP noch erträglich, könnte 2016 wegen solcher Engagements aber auf 36 Prozent steigen. Klar ist für Leitner auch, dass sich in dem Engagement der Klientelismus des Regimes Erdogan ausdrückt: „Natürlich werden vor allem Investoren berücksichtigt, die der Regierungspartei AKP nahestehen.“

Der Fachmann verweist darauf, dass nach dem Putsch rund 250 Unternehmen im Wert von 13 Milliarden Dollar enteignet oder unter staatliche Treuhänderschaft gestellt worden seien. Damit gelte der zuständige Regierungsfonds TMSS als größter Konzern im Land vor den bisher führenden Gruppen Koç und Sabanci.

Vor solchen Zugriffen seien ausländische Unternehmen weitgehend geschützt, versichert Leitner. Gefährlicher sei es, wenn sie mit türkischen Partnern zusammenarbeiteten, die der Gülen-Bewegung zugerechnet würden. Als abschreckend bezeichnet der Institutsleiter überdies die Neubesetzung Tausender Stellen in Verwaltung und Justiz mit AKP-Getreuen. Zum einen verzögerten sich Genehmigungsverfahren, zum anderen werde die Unabhängigkeit der Justiz nicht länger gewahrt. „Das ist derzeit eines der größten Risiken für ausländische Unternehmen.“

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