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Trumps Wirtschaftspläne : Nächstes Opfer Deutschland

Exporte von China, Deutschland und den Vereinigten Staaten und ihre Entwicklungen in den vergangenen zehn Jahren.

Wo nun ist das Problem? Lange Zeit hatte man mit diesen Ungleichgewichten halbwegs gelebt. Mit der Finanzkrise aber wurden sie als ein Risiko für die Stabilität des Weltfinanzsystems identifiziert. Da exportschwache Länder ihre Importe über Kredite finanzieren müssen, kann das die Schuldenberge gefährlich in die Höhe treiben. Gewaltige globale Ungleichgewichte, die sich nicht langsam abbauen, sondern schlagartig verschieben, können im schlimmsten Fall das ganze Wirtschaftssystem ins Wanken bringen oder zumindest eine Krise verstärken. Seither gibt es Bemühungen, diese Ungleichgewichte etwas zu verringern.

Im Augenblick erlebt die Debatte eine Neuauflage, und zwar in der Politik ebenso wie in ökonomischen Fachzeitschriften und in E-Mail-Diskussionen unter Ökonomen. Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen bewegt viele die Frage, warum die Weltwirtschaft seit einiger Zeit nur noch mit verringerten Raten wächst. Neben vielen anderen Gründen wurden dafür auch die globalen Ungleichgewichte als mögliche Ursache ausgemacht.

Ökonomen sagen: Ungleichgewicht hemmt Wirtschaftsentwicklung

Der ungarische Ökonom László Andor etwa nennt innerhalb der Eurozone die Handelsungleichgewichte als einen zentralen Grund für das schwache Wachstum. Nach dem Motto: Wenn es keine so einseitige Rollenaufteilung im Handel gäbe, dass Deutschland so viel ausführt und so wenig einführt, dann könnten Länder wie Portugal oder Spanien vielleicht auch mehr ausführen – und ihrerseits aus den Erträgen wieder mehr Nachfrage nach deutschen Produkten entwickeln.

Zum anderen kommt durch Politiker wie Trump eine ganz andere Debatte über Ungleichgewichte auf. Sie erinnert an die Ideen des Merkantilismus im 16. bis 18. Jahrhundert. Diese Betrachtungsweise sieht nicht vorrangig Unternehmen im globalen Wettbewerb, sondern Nationalstaaten, unter denen es ständig Gewinner und Verlierer gibt.

Ein Überschuss in der Leistungsbilanz wird aus dieser Sicht zur Siegestrophäe, eine künstlich geschwächte Währung gilt als Waffe im Währungskrieg. Und jeder, der einen größeren Überschuss erzielt als das eigene Land, ist aus dieser Sicht sofort der unfairen Vorteilsnahme im internationalen Handel verdächtig.

Exportweltmeister Deutschland: Neufahrzeuge verschiedener deutscher Marken stehen abholbereit auf dem Autoterminal in Emden.

Aus solchen Überlegungen heraus hatte der französische Finanzminister Jean-Baptiste Colbert im 17. Jahrhundert unter Sonnenkönig Ludwig XIV. die Devise ausgegeben: Die Exportüberschüsse müssen gesteigert werden, koste es, was es wolle – damit mehr Gold ins Land fließe. So wollte er eine Million neuer Arbeitsplätze in Manufakturen im Inland schaffen. Das war national-egoistische Wirtschaftspolitik pur. Diese Sichtweise gilt als wirtschaftspolitisch überholt. Der „Colbertismus“ taucht aber bis heute in abgewandelter Form immer wieder auf, zum Beispiel eben als „Trumpismus“.

Später setzte man lieber auf einen freien Handel, von dem beide Seiten profitieren. Die Frage sei heute vor allem, wie man in demokratischen Staaten dafür sorgen könne, dass Mehrheiten hierfür „gewonnen oder erhalten werden“ könnten: So sieht es eine Ökonomenrunde um Carl Christian von Weizsäcker und Harald Uhlig, die im Internet ausgiebig über dieses Thema debattiert.

Inwieweit die Politik eingreifen muss, wenn Ungleichgewichte im Handel sich verfestigen, ist bis heute umstritten. Einige internationale Regeln sehen so etwas vor. In der Europäischen Union gibt es ein formales Verfahren, ähnlich dem gegen überbordende Haushaltsdefizite, wenn ein Land im Dreijahresdurchschnitt einen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als 6 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung aufweist. Deutschland, das mit dieser Regel öfter mal Ärger hatte, lag 2016 fast 50 Prozent über diesem Schwellenwert. Da droht neuer Zoff.

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