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Bauern, Stahlwerker und Banker : Wie Luxemburg zum reichsten Land Europas wurde

Ein Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg: internationale Unternehmen in Luxemburg Bild: AFP

Luxemburg steht wegen der Steuerflucht internationaler Konzerne am Pranger. Das Land steht mit Abstand an der Spitze der Wohlstandsrangliste der EU. Woran liegt der unglaubliche Erfolg?

          3 Min.

          Die Lieblingslosung der Luxemburger lautet: „Mir wëlle bleiwe, wat mir sinn.“ Auf Deutsch: „Wir wollen bleiben, was mir sind.“ Freilich hat sich kein anderes europäisches Land im vergangenen Jahrhundert wirtschaftlich, aber auch demographisch so stark verändert wie Luxemburg.

          Gerald Braunberger
          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Aus dem bäuerlich geprägten Land wurde zunächst ein wichtiger Standort der Stahlindustrie. Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts bildete sich Schritt für Schritt einer der größten europäischen Finanzplätze aus.

          Die Zahlen sprechen für sich: Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 66.700 Euro je Einwohner liegt Luxemburg heute an der Spitze der Wohlstandsrangliste des EU-Statistikamts Eurostat. Auf dem zweiten Platz folgt mit viel Abstand Österreich (32.300 Euro); Deutschland (30.800 Euro) steht auf Platz 7. Eurostat gibt das BIP je Kopf in Luxemburg mit 266 Prozent des EU-Durchschnitts an (nur die City of London hat einen höheren Wert) - fügt aber relativierend hinzu, dass dieses BIP auch durch die einberechneten Beiträge von Pendlern aus den Nachbarländern aufgebläht erscheint. Trotzdem ist es ein sehr hoher Wert.

          Das Land hat sich stark verändert

          Luxemburg hat sich innerhalb kurzer Zeit stark verändert: In den vergangenen zwei Jahrzehnten stieg die Bevölkerungszahl um fast ein Drittel auf über 550.000. Mehr als 40 Prozent der Einwohner sind Ausländer. Zudem besetzen rund 150.000 „Grenzgänger“ aus den Nachbarländern Deutschland, Frankreich und Belgien gut 40 Prozent der Arbeitsplätze Luxemburgs. Banken und Fonds sind eine Hauptquelle des luxemburgischen Reichtums.

          Sie sind aber nicht alles. Schon zu Zeiten, als Jean-Claude Juncker, der durch umstrittene Steuerspar-Vereinbarungen mit 343 Großunternehmen nun in Bedrängnis geratene EU-Kommissionspräsident, noch Premier- und Finanzminister Luxemburgs war, hat das Land mit der Suche nach neuen wirtschaftlichen Standbeinen begonnen. Es versucht sich als Standort für Spitzentechnologien, nicht zuletzt in der Biomedizin, zu profilieren.

          Stahlwerk in Differdingen (Luxemburg)
          Stahlwerk in Differdingen (Luxemburg) : Bild: AP

          Dass sich Konzerne wie der Internethändler Amazon in Luxemburg niederlassen, wurde schon in der Vergangenheit mit der steuerlichen Attraktivität des Großherzogtums für Unternehmen in Verbindung gebracht - auch wenn das Ausmaß der Steuervorteile bisher einer größeren Öffentlichkeit nicht bekannt war. Das hat sich geändert, seit die EU-Kommission 2013 - nicht nur im Falle Luxemburgs - Prüfverfahren zu Steuerspar-Abkommen („Tax Rulings“) begonnen hat.

          Mehr als ein Steuerparadies

          Nicht erst seit den jüngsten Enthüllungen steht Luxemburg im Ruf eines Steuerparadieses. Wer mit Vertretern von Regierung und Wirtschaft im Großherzogtum darüber spricht, trifft einen empfindlichen Nerv. Es wird zwar nicht bestritten, dass Luxemburg vom angelegten Schwarzgeld von Ausländern profitiert habe. Seine Bedeutung als Finanzplatz verdanke das Land aber vor allem der Tatsache, dass es stets an der Spitze der Entwicklung gestanden habe und internationale Rechtsvorschriften zum Finanzmarkt schneller als andere angewandt habe.

          Dies habe schon vor knapp einem halben Jahrhundert gegolten, als die Investmentfonds in Luxemburg aufgekommen seien. Aber es gelte auch heute mit immer komplizierteren, aber gerade für professionelle Anleger attraktiven Finanzprodukt.

          Seit 2006 ist das Volumen der Vermögen, die in den 10.000 Luxemburger Fonds verwaltet werden, von 1,85 Billionen Euro auf über 3 Billionen Euro angewachsen. Damit ist Luxemburg der zweitgrößte Investmentfonds-Standort nach Amerika. Zuletzt arbeiteten rund 27 000 Menschen in der Fondsbranche. Die Anzahl der Bankinstitute hat sich auf 141, davon 37 aus Deutschland, verringert.

          Auch deutsche Fondsgesellschaften begeben seit vielen Jahren Fonds in Luxemburg. Gelobt wird eine im Vergleich zu Deutschland schnellere Genehmigung von Fonds sowie eine weniger bürokratische Aufsicht. Aber auch hier spielen steuerliche Aspekte eine Rolle: So werden bei mehrjährigen Fonds mit Ertragsgarantie in Deutschland Erträge in jedem Jahr versteuert, in Luxemburg aber nur einmal am Ende der Laufzeit. Neben dem Fondsgeschäft ist Luxemburg zudem ein Platz, an dem viel Privatbankgeschäft mit vermögenden Kunden aus vielen Ländern betrieben wird. Die verwalteten Vermögen betragen rund 300 Milliarden Euro.

          Von 2015 an wird sich Luxemburg am automatischen Informationsaustausch der Steuerbehörden der EU-Länder zu Zinserträgen auf Sparanlagen beteiligen. Der heutige Finanzminister Pierre Gramegna, der jahrelang an der Spitze der Industrie- und Handelskammer des Großherzogtums stand, hat es vor einem Jahr gegenüber dieser Zeitung so formuliert: Luxemburg wolle „die Rolle des schwarzen Schafs“ loswerden - und mehr Spielraum erhalten. Von den Steuerdeals war damals noch nicht die Rede.

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