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Exportstopp, Kapitalmarkt-Sperre : Wie die Sanktionen Russland treffen

  • Aktualisiert am

Container im Hafen von Sankt Petersburg Bild: Bloomberg

Die geplanten Sanktionen treffen Russland teils an empfindlichen Stellen. Die härteste Folge könnte jedoch gar nicht aus den Sanktionen direkt kommen.

          Die Sanktionen der Europäischen Union treffen Russland und seine Unternehmen teils an empfindlichen Stellen. Beispiel Exportstopp: Hochtechnologie-Geräte, vor allem für die Ölförderung, sollen nicht mehr nach Russland exportiert werden dürfen. Die russischen Ölkonzerne Rosneft und Novatek sind allerdings auf Wissen, Technik und Austausch mit ausländischen Partnern angewiesen, um das Potential russischer Rohstoffe auszuschöpfen.  Noch schwerwiegender wäre es für Rosneft und Novatek, wenn Unternehmen aus den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union die Zusammenarbeit mit ihnen untersagt würde. An Rosneft ist die britische BP mit knapp 20 Prozent beteiligt; darüber hinaus gibt es viele Kooperationen mit westlichen Firmen von Shell bis Statoil. Doch schon der Exportstopp für Geräte kann zumindest langfristig Folgen haben.

          Die russische Wirtschaft hat ohnehin schon Probleme: Schon vor den Sanktionen hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) Russland für dieses Jahr nur noch ein Wachstum von 0,2 Prozent vorausgesagt. Die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten wird nun zusätzlich erschwert, indem russischen Banken der Zugang zum europäischen Kapitalmarkt eingeschränkt wird.

          Banken mit einer staatlichen Beteiligung von mehr als 50 Prozent können keine neuen Wertpapiere in der EU verkaufen. Von amerikanischen Sanktionen waren zuvor bereits die Institute Gasprombank, eine Tochter des halbstaatlichen Gaskonzerns Gasprom, und die ganz staatliche VEB betroffen. Die Gasprombank ist Russlands drittgrößtes Finanzinstitut, viertgrößte Privatkundenbank und der wichtigste Finanzdienstleister für den staatlichen Erdgasriesen Gasprom (der wegen seiner starken Lieferstellung gegenüber einigen europäischen Ländern wohl nicht direkt aufs Korn genommen wird). Die Gasprombank hat rund 11 Milliarden Dollar an Eurobonds ausstehen, die staatseigene Entwicklungsbank VEB etwa 9 Milliarden Dollar.


          So treffen Russland die Sanktionen


            Wie treffen Russland die EU-Sanktionen?

            Die beschlossenen Sanktionen packen das Land durchaus an einer empfindlichen Stelle. Neben einem Verbot von künftigen Rüstungslieferungen soll es ein Exportverbot für bestimmte Hochtechnologiegüter an das russische Militär geben, außerdem Ausfuhrverbote für Spezialtechnik zur Ölförderung. Weil Russlands Wirtschaftsmodell bislang ganz entscheidend auf der Gewinnung und dem Export von Energie beruht, müsste sich das Land nach Alternativen bei Lieferanten umsehen. Schmerzen könnte Moskau aber vor allem, dass der Zugang zum europäischen Kapitalmarkt erschwert werden soll. So wird russischen Banken der Handel mit Anleihen in der EU verboten, was die Kosten für die Finanzierung der angeschlagenen russischen Wirtschaft noch einmal erhöht.

            Verfügt Russland nicht über genügend finanzielle Reserven?

            Bislang schon: Das stürmische Wachstum der Vergangenheit beruhte auf sprudelnden Energieexporten - und steigenden Preisen für Energie. Dieser Trend hat sich aber nicht ungebremst fortgesetzt. Das Wachstum wird langsamer, mit entsprechenden Folgen für die Deviseneinnahmen. Devisenreserven schrumpfen, der Rubel gerät unter Druck. „Die Abhängigkeit Russlands von externen ausländischen Finanzierungen hat in den letzten Jahres stark zugenommen“, urteilen die Volkswirte der Hypovereinsbank (HVB) vor diesem Hintergrund.

            Kann Russland sich nicht frisches Kapital beschaffen?

            Der russische Staat hat wachsende Probleme, Kapital aufzunehmen. Der Zinssatz für russische Staatsanleihen ist zuletzt binnen eines Monats um einen Prozentpunkt auf bis zum 9,4 Prozent gestiegen. Die Schuldenaufnahme wird also immer teurer für den russischen Staat. Geplante Verkäufe von Staatsanleihen wurden vor diesem Hintergrund schon mehrfach abgesagt. Offizielle Begründung: „Ungünstige Marktkonditionen“.

            Gehört Russland nicht zu den Riesen der Weltwirtschaft?

            Schon. Als Mitglied der schnell wachsenden BRIC-Entwicklungsländer wird Russland in einem Atemzug mit Brasilien, Indien und China genannt. Binnen eines Jahrzehnts hat es das Riesenreich von Platz 16 auf Platz 8 der weltweit größten Volkswirtschaften geschafft. Aber die „goldenen Jahre“ mit Wachstumsraten von sechs, sieben oder acht Prozent sind schon lange vorbei. Russlands Wirtschaftsleistung legte 2013 nur noch um 1,3 Prozent zu. Für 2014 hat der IWF seine Prognose jüngst von 1,3 auf nur noch 0,2 Prozent gekappt. Russland droht eine Rezession - mit entsprechenden Folgen auch für seine Handelspartner.

            Wie sehen die Folgen aus?

            Russland hatte zuletzt (2013) Waren für rund 36 Milliarden Euro in Deutschland gekauft. Das entspricht rund 3 Prozent aller Exporte. Damit steht das Land zwar nur auf Platz 11 der wichtigsten Kunden - hinter Handelspartnern wie zum Beispiel Belgien, Polen, der Schweiz oder Österreich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes führen aber lediglich 10 Prozent aller Exporteure Waren nach Russland aus. „Für etwa 73 Prozent dieser Unternehmen machen die Exporte nach Russland maximal ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.“ Einzelne Firmen oder Branchen könnten also deutlich heftiger getroffen werden als die Gesamtwirtschaft. Für die deutsche Schlüsselbranche Maschinenbau ist Russland zum Beispiel der viertgrößte Exportpartner, und die Maschinenbauer verbuchen schon jetzt deutlich rückläufige Russland-Exporte.

            Wie geht es weiter?

            Das ist so lange offen, wie es keine Listen gibt, welche Produkte und Firmen genau von Handelsbeschränkungen betroffen sind. Unklar ist auch, ob Beschränkungen für bereits laufende Geschäfte gelten oder nur für neue Aufträge. Der Außenwirtschaftsexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Heiko Schwiderowski, berichtet von täglich 20 bis 30 Anrufen zu diesem Themenkomplex. Das zeige, wie groß die Verunsicherung ist. Einzelne Firmen berichten, russische Kunden sähen sich schon jetzt nach Alternativen zum Beispiel in Asien um.

            Droht damit ein handfester Konjunktureinbruch?

            Eher nicht. Sollte die ohnehin aktuell schwächelnde russische Wirtschaft weiter einbrechen, hätte das zwar auch negative Konsequenzen für Deutschland. Wegen des begrenzten Anteils der Exporte nach Russland wäre das für die deutsche Wirtschaft aber „wohl verschmerzbar“, meinen die HVB-Ökonomen. Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft hat ausgerechnet, dass Sanktionen im schlimmsten Fall das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 16,4 Milliarden Euro schmälern könnten - allerdings nur dann, wenn die Exporte nach Russland komplett wegfallen würden, was eher nicht wahrscheinlich ist. Mittelstandspräsident Mario Ohoven sagte derweil der „Leipziger Volkszeitung“ (Dienstag): „Käme es durch Handelssanktionen über einen längeren Zeitraum zu einer Rezession in Russland, könnte uns das 0,5 Prozentpunkte Wachstum kosten.“


          Die Pleite droht den Banken allerdings nicht. Die russische Zentralbank dürfte die beiden systemrelevanten Institute unterstützen. Sie hat ihre Finanzierungshilfen für russische Banken während des Ukraine-Konflikts bereits deutlich erhöht, als sich westliche Anleger als Geldgeber zurückzogen. Für die Währungshüter wird die Lage jedoch zunehmend ungemütlicher: Eine Inflation von 7,8 Prozent im Juni veranlasste die Notenbank Ende vergangener Woche zu einer überraschenden Zinserhöhung um 50 Basispunkte; Repo-Geschäfte mit Laufzeit von einer Woche kosten nun 8 Prozent Zinsen. Das wird die bereits hohen Kreditkosten für russische Firmen nicht senken.

          Das könnte langfristig eine der größten Folgen der Sanktionen sein: hohe Kapitalkosten - nicht nur durch die Maßnahmen der Zentralbank, sondern auch durch die Zurückhaltung von Investoren aus Angst vor weiteren Sanktionen. Nach einer Berechnung der Sberbank, dem größten Kreditinstitut des Landes, müssen russische Unternehmen durchschnittlich rund 30 Milliarden Dollar pro Quartal refinanzieren; im letzten Vierteljahr 2014 werden es sogar 40 Milliarden Dollar sein. Amerikanische Investoren halten den Analysten zufolge etwa 40 Prozent aller russischen Eurobonds. Kapital aus dem Nahen und Fernen Osten, von dem in diesen Tagen in Moskau viel die Rede ist, könnte in der Breite laut Sberbank erst mittelfristig Abhilfe schaffen.

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