https://www.faz.net/-gqe-8ovt6

Nach dem Referendum : Wie der Brexit den irischen Wohlstand bedroht

Müssen EU-Staaten Irland bei der Bewältigung der Brexit-Folgen finanziell unterstützen? Bild: AP

Für kein anderes EU-Land steht bei einem Brexit der Briten so viel auf dem Spiel wie für Irland. Die Planungen für den Ernstfall laufen. Müssen am Ende andere EU-Staaten helfen?

          4 Min.

          Weit draußen im Westen der Europäischen Union verspricht der Brexit gute Geschäfte: „So viele Anfragen von potentiellen Kunden wie in den letzten Monaten hatten wir noch nie“, sagt Roland Gröpler. Der aus Deutschland stammende Unternehmer ist Eigentümer des mittelständischen Autozulieferers G&G Engineering in der irischen Grafschaft Mayo an der Atlantikküste.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit die Briten beim Referendum im Juni für den Austritt aus der EU gestimmt hätten, suchten internationale Unternehmen zunehmend nach Alternativen zu britischen Zulieferern, berichtet Gröpler. Denn sie befürchteten dass nach dem Brexit keine reibungslose Belieferung aus dem Vereinigten Königreich in die EU mehr möglich sein könnte. Deshalb ist der Brexit eine Wachstumschance für Gröplers kleines Unternehmen in der winzigen Ortschaft Killala, rund dreieinhalb Autostunden westlich von Dublin.

          In der irischen Hauptstadt sieht man den Alleingang der Briten allerdings weniger optimistisch. „Wir mögen den Brexit nicht, aber wir müssen ihn akzeptieren“, sagt Enda Kenny der Ministerpräsident Irlands. Für die kleine Inselrepublik mit nur knapp 5 Millionen Einwohnern und einer Wirtschaftsleistung, die niedriger ist als die von Hessen, ist der EU-Austritt des großen Nachbarlandes in vielerlei Hinsicht alarmierend.

          Längst nicht nur wirtschaftliche Risiken

          Kein anderes europäisches Land ist politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich so eng mit dem Königreich verbunden wie Irland, das bis nach dem Zweiten Weltkrieg Teil des britischen Kolonialreichs war. Es ist der einzige EU-Staat, der eine Landgrenze mit Großbritannien teilt: Die grüne Grenze zwischen dem britischen Nordirland und der Republik Irland verläuft nur gut 100 Kilometer nördlich von Dublin. Wird es nach dem Brexit wieder Grenzkontrollen und Zollschranken geben?

          „Die Rückkehr einer harten Grenze in Irland würden die Bürger nicht hinnehmen“, sagt der Regierungschef Kenny. Schließlich passierten jeden Tag bis zu 50.000 Menschen die bislang praktisch unsichtbare Grenze zwischen den beiden Teilen Irlands, darunter viele Berufspendler. Es hängen auch 17 Prozent der irischen Wirtschaftsleistung vom Exportgeschäft nach Großbritannien ab. „Der irische Handel mit Großbritannien macht mehr als eine Milliarde Euro in der Woche aus“, rechnet der Premierminister vor. Ökonomen schätzen, dass er durch den Brexit um bis zu ein Fünftel schrumpfen könnte.

          Bild: F.A.Z.

          Es geht nicht nur um wirtschaftliche Risiken, sondern auch um politische: Seit dem Austritts-Votum der Briten wächst die Angst vor einem Wiederaufflammen des gewalttätigen Konflikts in Nordirland. Bei diesem ging es um die Frage, ob der Norden Irlands weiter bei Großbritannien bleiben oder aber mit der Republik Irland im vereinigt werden soll.

          Die Furcht vor einem harten Brexit wächst

          Zwar gelang in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Befriedung. Aber bis heute ist die nordirische Gesellschaft tief gespalten: Noch immer gibt es in der Hauptstadt Belfast die „Friedenslinien“, wie die Absperrungen genannt werden, die Wohngebiete der zu Großbritannien stehenden „Unionisten“ von denen der irisch-nationalistischen „Republikaner“ trennt. „Der Frieden wird zu oft als eine Selbstverständlichkeit angesehen“, mahnt Kenny.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald und Melania Trump am vorigen Mittwoch in Washington

          Trumps Impeachment-Prozess : Mehr Zeit für neue Skandale

          Der Impeachment-Prozess gegen Donald Trump soll erst am 9. Februar eröffnet werden. Bis dahin hoffen die Demokraten auf neue Skandale, die der Anklage weitere Munition liefern.
          Mehr Unterstützung aus Washington: Amerikanische Forscher von Regeneron arbeiten am experimentellen Antikörper-Medikament.

          Antikörper-Medikament : Was auch bei Trumps Genesung half

          Ein amerikanisches Antikörper-Präparat erhält eine Notzulassung, 200.000 Dosen kauft die Bundesregierung. Deutsche Wissenschaftler vermissen Unterstützung bei ihrer Forschung – so würden Chancen verpasst, kritisieren sie.
          Verrammelt und verriegelt: Das Lamb & Flag in London (Symbolbild)

          Großbritannien : 10.000 Pubs und Restaurants schließen

          Großbritanniens Gastronomie ist von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Während große Ketten sich frisches Kapital beschaffen, gehen die Kleinen unter.
          Aggressiv, schamlos, schnell gekränkt, selbstverliebt: Besaß Trump die Reife für sein Amt?

          Egozentrisch und rücksichtslos : Wenn der Partner ein Narzisst ist

          Narzissten wollen immer heller strahlen als ihr Gegenüber. Dafür ist ihnen meist jedes Mittel recht: Manipulation, Beschimpfungen und dreiste Lügen. Woran merkt man, dass einem das in der eigenen Beziehung widerfährt – und wie geht man damit um?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.