https://www.faz.net/-gqe-8d6si

Bargeld : „Ich habe bar gezahlt“

5000 Euro in Scheinen Bild: Picture-Alliance

Die Bundesregierung will Bargeldgeschäfte über 5000 Euro verbieten. Aber wer zahlt überhaupt so große Beträge mit Scheinen – und wofür? Wir haben uns mal umgehört.

          3 Min.

          Die Nachricht schlug am Mittwoch ein wie ein Blitz: Die Bundesregierung will Geschäfte mit Bargeld über 5000 Euro verbieten. Noch wird darum gerungen, ob diese Regelung für ganz Europa eingeführt wird, oder nur für Deutschland. Aber kommen wird sie, so viel scheint sicher. Aber was bedeutet das fürs alltägliche Leben? Hat das sofort Auswirkungen für jeden einzelnen – oder ist das nur deshalb beunruhigend, weil es der Anfang vom Ende des Bargelds insgesamt sein könnte, wie manche Ökonomen meinen, die von einer „Salamitaktik“ sprechen, mit der jetzt nach und nach das Bargeld ganz abgeschafft werden soll?

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wenn man sich unter Leuten umhört, wie oft sie schon mal etwas für mehr als 5000 Euro in bar gekauft haben, dann sagen manche „noch nie“, andere vielleicht „einmal im Leben“, nur wenige haben dauernd mit solchen Geschäften zu tun. Der Berliner Politiker und Blogger Christopher Lauer (ehemals Piratenpartei) hat auf Twitter eine kleine, natürlich vollkommen unrepräsentative Umfrage gemacht: „Hast Du schon mal etwas über 5000 Euro komplett bar bezahlt?“ 64 Prozent antworteten mit „Nein“, 36 Prozent mit „Ja“. Heraus kam, neben allerhand vermutlich eher scherzhafter Antworten bezüglich illegaler Drogen, dass eine Reihe von Leuten ihr Auto bar bezahlt haben, besonders, wenn sie es von privaten Verkäufern erworben haben. Da werden offenbar in vielen Fällen die Scheine auf die Motorhaube  oder den Küchentisch geblättert.

          Aber auch offizielle Autohändler nehmen anscheinend gern Bares. Ein „bisschen mehr als 15.000 Euro“ habe er in Scheinen zum Händler geschleppt, um an einen Peugeot 307 zu kommen, als das Modell gerade am Auslaufen war, erzählt ein Autobesitzer. Dafür habe er dann einen Barzahlungsrabatt bekommen, das habe sich für ihn also gelohnt.

          Das Internetportal Autoscout24 jedenfalls, über das in Deutschland viele Autoverkäufer und –käufer zusammenfinden, hat seine Kunden im Internet über deren Zahlungsgewohnheiten befragt. Das Ergebnis: „Beim Kauf von privat bevorzugen 87 Prozent der Käufer von Gebrauchtwagen die Barzahlung. Anders sieht es aus, wenn sie das Auto beim Händler kaufen. Dann ziehen nur 46 Prozent Bargeld vor“, sagte Sebastian Lorenz, Vice President Consumer bei Autoscout24. „Auch beim Verkauf sieht die Verteilung ähnlich aus: Von privat nehmen 90 Prozent am liebsten Scheine, von Händlern 46 Prozent.“

          Auch von Handwerkerrechnungen in dieser Größenordnung, die bar bezahlt würden, ist in der Twitter-Umfrage die Rede. Immobilienmakler hätten früher zum Teil nur Bargeld akzeptiert. Und ein Teilnehmer berichtet, er habe nach der Ausrichtung des Abiballs viel Bargeld gehabt und damit die Hallenmiete beglichen.   

          Ein Bahnfahrer erzählte auf Anfrage, die größte Anschaffung seines Lebens, die er bar bezahlt habe, sei die Bahncard 100 gewesen – jenes Ticket, das früher „Netzkarte“ hieß und dazu berechtigt, beliebig viel mit dem Zug unterwegs zu sein. 3900 Euro habe diese Karte damals gekostet. Also nicht ganz 5000 Euro, aber immerhin. Und er habe die EC-Karte nicht einsetzen können, weil das Limit zu niedrig gewesen sei. Und auch eine Überweisung oder ein Lastschriftverfahren wären zumindest nicht ohne weitere Umstände möglich gewesen.

          Eine Kamera - genauer: eine Leica M9 – war der große Wunsch, den sich F.A.Z.-Feuilletonistin Andrea Diener mit Bargeld erfüllt hat. Das hochwertige Gerät kostete immerhin 5450 Euro - viel Geld, das sie in einem dicken Briefumschlag mit schlotternden Knien ins Geschäft getragen hat. Das Ganze kam so: Als die Schreiberin die Kamera bestellt hatte, war diese nicht sofort lieferbar. Sie musste drei Monate warten. In dieser Zeit legte sie immer etwas Bargeld zurück, mal 200 Euro, mal 300 Euro. Die Scheine versteckte sie in einer antiken, ledergebundenen Buchattrappe in ihrem Bücherregal. Auf diese Weise sei das Geld nicht auf dem Konto gewesen, dadurch habe sie es nicht so leicht ausgegeben. Die letzten 2000 Euro holte sie dann in 500-Euro-Scheinen von der Bank. Das Vorgehen habe sich als überaus vorteilhaft erwiesen, erinnert sie sich: An jenem Samstag, an dem der Fotoapparat dann endlich eintraf, hätte sie nicht ohne weiteres so viel Geld mit der EC-Karte bekommen – ihr Limit lag bei 1000 Euro. Und einen zweiten Vorteil hatte die Bargeld-Sammelei: Der Händler gewährte ihr einen Barzahlungsrabatt in Höhe von drei Prozent: Dank Bargeld sparte sie 163,50 Euro.      

          Auch wer schon mal bei einem kleineren Auktionshaus ein Kunstwerk für ein paar tausend Euro ersteigert hat, weiß, dass man dort gern Bargeld nimmt. Ähnlich wie im Gebrauchtwagenhandel mag das auch mit beiderseitigem Misstrauen zusammenhängen: Der Händler weiß nicht, ob sein Kunde wirklich zahlungsfähig ist und gibt die Ware ungern ohne Sicherheit heraus. Umgekehrt überweist der Kunde ungern vorher Geld, ohne die Ware zu bekommen, wenn er nicht weiß, ob das Unternehmen vielleicht in der Zwischenzeit zahlungsunfähig werden könnte. Insgesamt aber, so behauptet zumindest Dieter Löhr vom Bundesverband Deutscher Kunstversteigerer, spiele die Barzahlung bei Auktionen heute nur noch eine geringe Rolle: „Das sind relativ seltene Fälle.“

          Trotzdem scheint es vielen Menschen großes Unbehagen zu bereiten, dass sie künftig nicht für mehr als 5000 Euro bar bezahlen sollen – selbst wenn sie das bislang in der Praxis nicht allzu oft gemacht haben. 

            

          Weitere Themen

          Viel Lärm um Tesla Video-Seite öffnen

          Protest in Grünheide : Viel Lärm um Tesla

          Der Autobauer und das Land Brandenburg haben sich auf den Kauf der Landfläche geeinigt, auf der der Konzern seine Fabrik für Elektroautos errichten will. Ein Gutachten soll nun den Kaufpreis ermitteln. Gegner des Vorhabens fordern mehr Transparenz und fürchten Umweltschäden.

          Die Deutschen lieben ihre Autos immer noch

          Umfrageergebnisse : Die Deutschen lieben ihre Autos immer noch

          Allen Debatten um Klima und Mobilität zum Trotz: Die deutschen Autohalter haben weiter Freude am Autofahren, empfinden sogar überwiegend Freude, wenn sie das Auto nur sehen. Und sie geben für den Autokauf so viel aus wie noch nie.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.