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Weltwirtschaftsforum in Davos : Vertrauensverlust und Kapitalismuskritik

Plakative Kritik vor den Türen des Forums Bild: REUTERS

Mancher Manager wurde auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos von der Kritik am Kapitalismus kalt erwischt. Angela Merkel blieb tapfer, wurde aber von David Cameron attackiert. Und wie gewinnt man jetzt Vertrauen zurück?

          Der Manager sagt es ganz im Vertrauen: Klaus Schwab, der Mitbegründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums in Davos, werde vielleicht so langsam alt. „Kapitalismuskritik? Was meint er denn damit überhaupt?“, fragt ein anderer: „Von welchem Kapitalismus reden wir da eigentlich - meint Schwab damit die Soziale Marktwirtschaft? Doch ganz bestimmt nicht.“ Das Thema besitzt Konjunktur in Davos.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          „Mit welcher anderen Wirtschaftsordnung soll es eigentlich gelingen, den Millionen Menschen in Schwellenländern, die noch unterhalb der Armutsgrenze leben, eine Perspektive zu geben?“, mischt sich ein Dritter ein. „Ja, aber warum hat das denn Klaus Schwab niemand sofort auf offener Bühne geantwortet?“, fragt man zurück. „Ach ja, es ist ja immer so eine Sache mit den öffentlichen Bekenntnissen“, kommt die Antwort zurück - so ganz im Vertrauen natürlich.

          Klaus Schwab in Davos: „Kapitalismuskritik? Was meint er denn damit überhaupt?“

          Das Thema hatte der langjährige Chef des Weltwirtschaftsforums selbst auf die Tagesordnung gesetzt: Der Kapitalismus sei wohl ein bisschen veraltet, hatte Schwab gesagt. Man könne sogar sagen, „dass das kapitalistische System in seiner jetzigen Form nicht mehr in die heutige Welt passt“. Aufgegriffen haben solche Bälle dann liebend gern - und sehr schnell - die Vertreter der Linken, zum Beispiel Sharan Burrow, die als Generalsekretärin des internationalen Gewerkschaftsbundes ITUC rund 175 Millionen Arbeitnehmer in aller Welt vertritt.

          „Gebrochene Versprechen des Kapitalismus“

          Sie sekundierte Schwab und sprach von „gebrochenen Versprechen des Kapitalismus“. Schon jetzt sei der Wohlstand so ungleich verteilt wie seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr, klagte sie. In vielen Ländern nähmen die Ökonomien junge Arbeitskräfte kaum noch auf. „Das Wirtschaftsmodell untergräbt sich selbst“, meinte sie. „Die sozialen Unruhen, die daraus entstehen können, werden niemandem gefallen.“

          Schwab und Merkel: „Ich frage mich immer: Wie lange ist das glaubwürdig?“

          Als Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung des Forums nach Davos kommt, geht sie mit dem Thema ganz anders um: im Stile einer Politikerin, die nur einmal kurz aus dem Krisenmanagement heraus nach Davos eilt - um den versammelten Wirtschaftsführern, Wissenschaftlern und Künstlern ihre Sicht der Dinge zu erklären. Sie räumt zwar ein, dass die Staatengemeinschaft bisher zu wenig Lehren aus der Wirtschafts- und Finanzkrise gezogen habe.

          Sie meint das aber anders als Klaus Schwab - und trägt es mit etwas müden Augen, aber großer Willenskraft vor. Deutschland sei als Europas führende Volkswirtschaft einerseits relativ groß und stark. Es dürften andererseits aber keine Verpflichtungen eingegangen werden, die am Ende nicht zu halten seien. „Wenn Deutschland, stellvertretend für alle europäischen Länder etwas verspricht, was bei harter Attacke der Märkte dann auch nicht einlösbar ist, dann hat Europa eine ganz offene Flanke“, sagt Merkel.

          Keine Gleichmacherei ohne Ambitionen

          Es sei nicht sinnvoll, eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Euro-Hilfen zu fordern, sagt Merkel mit Blick auf die Debatte um eine Ausweitung des Rettungsschirms ESM. „Ich frage mich immer: Wie lange ist das glaubwürdig?“ Auch weist sie Vorhaltungen von Partnern aus der Europäischen Union und aus den Vereinigten Staaten von Amerika zurück, Deutschland müsse mehr zum Abbau der Ungleichgewichte beitragen.

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