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Weltwirtschaftsforum : Die Globalisierung ist nicht schuld

Symbol der Globalisierung: Das 365 Meter lange Containerschiff „MSC Daniela“ der Linie MSC am Containerterminal in Bremerhaven. Bild: dpa

Bedroht die Expansion des Welthandels den Zusammenhalt westlicher Gesellschaften? Eine andere Kraft ist viel stärker, geht aus dem neuen Risikobericht des Wirtschaftsforums hervor.

          Die wachsende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen ist das größte globale Risiko in den kommenden zehn Jahren. Motor dieses Trends ist derzeit jedoch nicht die Globalisierung der Weltwirtschaft, sondern vielmehr in erster Linie der technische Fortschritt.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Das geht aus dem jährlichen Risikobericht des Weltwirtschaftsforums (WEF) hervor, den die Organisation eine Woche vor ihrer Jahreskonferenz in Davos in London vorstellte. Der Bericht basiert auf einer Befragung von 750 Fachleuten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.

          Computer ersetzen Menschen

          Das WEF spricht von einer vierten Industriellen Revolution: Künstliche Intelligenz, das sogenannte Internet der Dinge und andere technische Durchbrüche brächten zwar viele Vorteile, trieben aber auch einen Keil in die Gesellschaften der industrialisierten Welt. Der technische Fortschritt sei damit eine sehr viel größere Kraft als die rapide Expansion des Welthandels und der internationalen Kapitalströme in den vergangenen Jahrzehnten.

          Ähnlich im Hinblick auf womöglich eskalierende Verteilungskonflikte und Chancen durch schlauere Computer äußerten sich im vergangenen Jahr auch Fachleute des Internationalen Währungsfonds. Sie gelangten in einer theoretischen Analyse zu dem Ergebnis, dass sich durch intelligentere Rechner potentiell zum Beispiel Alterungsprobleme lösen lassen - je nachdem, wem etwa die Rechner und Roboter gehören, aber auch wachsende Ungleichheit eine gefährliche Folge sein könnte.

          Der aktuelle Bericht des WEF wiederum verweist auf Untersuchungen, wonach 86 Prozent der Arbeitsplätze, die zwischen den Jahren 1997 und 2007 in den Vereinigten Staaten im verarbeitenden Gewerbe gestrichen wurden, dem technischen Fortschritt zum Opfer gefallen sind. Nur 14 Prozent der Arbeitsplatzverluste seien dagegen auf den Welthandel und ausländische Konkurrenz zurückzuführen.

          Der designierte amerikanische Präsident Donald Trump macht dagegen vor allem die Globalisierung für Arbeitsplatzverluste in den Vereinigten Staaten verantwortlich. Um sich dagegen zu wehren, hat er vielerlei protektionistische Maßnahmen angekündigt oder angedeutet.

          Auch China hat Probleme

          Er hat dabei besonders China im Blick, das er schon im Wahlkampf häufig dafür verantwortlich gemacht hatte, dass Amerikaner Arbeitsplätze in der Industrie verloren hätten. Tatsächlich haben es die Entscheider in Peking mit gar nicht so unähnlichen Problemen zu tun in dieser Hinsicht. In den vergangenen Jahren sind auch in China Arbeitsplätze in der Industrie verloren gegangen. Und ein Manager des wichtigen Handy-Zulieferers Foxconn, der in China eine Million Mitarbeiter hat, kündigte unlängst an, dass das Unternehmen mittelfristig nahezu alle Mitarbeiter durch Roboter ersetzen wolle - betroffen wäre davon auch und gerade China.

          Auch befindet sich die chinesische Schwerindustrie tendenziell eher in Schwierigkeiten. Im Nordosten des riesigen Landes gibt es längst ebenfalls einen „Rust Belt“.

          Umweltzerstörung und Klimawandel

          Das WEF sieht Politik und Wirtschaft gefordert, Leitplanken zu setzen: „Wir können die Dynamik der vierten Industriellen Revolution gestalten. Eine umsichtige Steuerung kann die Verteilung der Vorteile und die Auswirkungen auf die globalen Risiken lenken“, heißt es in dem Bericht. Doch bisher agiere die Politik in vielen Fällen langsam.

          Neben der wachsenden Ungleichheit sehen die vom WEF befragten Experten weitere Großrisiken für die Welt im kommenden Jahrzehnt: Auf Platz zwei werden Umweltzerstörung und Klimawandel genannt. Diese seien auch ein wesentlicher Treiber für die globalen Flüchtlingsströme. Die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung wiederum könnte zu einer Krise der Demokratie in der westlichen Welt führen, heißt es in dem Bericht. Das WEF verweist dabei auf die großen und unerwarteten politischen Umbrüche des vergangenen Jahres: Die Brexit-Entscheidung der Briten und die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten.

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