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Weltwirtschaft : Die Bürde der Inflation

Zu viel Geld tut der Weltwirtschaft nicht gut Bild: DIETER RÜCHEL

Fast täglich schocken derzeit neue Meldungen über steigende Preise. Die Geschichte lehrt, was passiert, wenn die Inflation aus dem Ruder läuft: Irgendwann müssen hohe Leitzinsen her. Je länger ein Land damit wartet, desto schlimmer wird die Rosskur.

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          Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten, schrieb Kurt Tucholsky im Jahre 1931 in der „Weltbühne“. Die Verflechtung, an der sich nichts geändert hat, außer dass man sie heute Globalisierung nennt, wird den Menschen vor allem in Zeiten der Unsicherheit bewusst. Im Jahre 1931 befand sich die Welt auf dem Weg in eine globale Wirtschaftskrise. Heute nährt ein unverträgliches Gemisch aus einer nicht enden wollenden Finanzmarktkrise und einer vor allem durch steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise bedingten Geldentwertung die Sorge vor einer Verschlechterung der Wirtschaftslage.

          Die Globalisierung hat über Jahre das Wirtschaftswachstum in der Welt angetrieben; heute nimmt man zuerst die damit verbundenen Risiken wahr. Für das Wirtschaftswachstum in der Welt sind vor allem zwei Gefahren zu diagnostizieren: eine zu reichliche Geldversorgung und hohe und weiter steigende Preise für Rohstoffe und Nahrungsmittel.

          Ein bekanntes, meist zeitlich begrenztes Phänomen

          Inflation sei immer und überall Ergebnis einer zu reichlichen Geldversorgung, stellte vor Jahrzehnten der Nobelpreisträger Milton Friedman fest. Heute sind es nicht länger die Notenbanken der großen Industrienationen, die über die Geldversorgung der Weltwirtschaft entscheiden. Der größte Teil des Geldüberhangs ist Folge einer willfährigen Politik der großen Schwellenländer wie China. Dort beträgt die Inflationsrate rund neun Prozent; das ist doppelt so viel wie angestrebt. Inflationsgefahren lauern auch in den Vereinigten Staaten und in Europa; dort ist die Lage zwar unerfreulich, aber im Vergleich zu der in vielen Schwellenländern weniger dramatisch.

          Die Wirtschaftsgeschichte lehrt, was passiert, wenn die Inflation aus dem Ruder läuft: Irgendwann muss sie mit Hilfe hoher Leitzinsen bekämpft werden, und je länger ein Land damit wartet, desto schlimmer wird die anschließende Rosskur. Die Finanzmärkte beginnen den mit einer Eindämmung der Inflation verbundenen Einbruch des Wirtschaftswachstums vor allem in den asiatischen Schwellenländern vorwegzunehmen. In China oder Vietnam sind die Aktienkurse deutlich zurückgegangen; Vietnam droht darüber hinaus eine Währungskrise. Auch in Europa deuten die jüngsten Indikatoren eine deutliche Verlangsamung des Wirtschaftswachstums an, und die Vereinigten Staaten befinden sich in oder am Rande einer Rezession.

          Eine Kombination aus Inflation und Wachstumsschwäche ist ein bekanntes, meist zeitlich begrenztes Phänomen am Ende einer Phase kräftigen Wirtschaftswachstums. Gewöhnlich bietet es keinen Anlass zu großer Sorge. Heute tritt jedoch ein verstörendes Element hinzu: die nachhaltig hohen Preise für Rohstoffe und Nahrungsmittel. Das passt nicht in das traditionelle Bild einer nachlassenden Konjunktur: Üblicherweise sinken dann als Folge einer sinkenden Nachfrage die Preise für Rohstoffe. Dieser Zusammenhang scheint gegenwärtig außer Kraft gesetzt zu sein.

          Zwei dämpfende Mechanismen

          Der wichtigste Grund für die stark gestiegenen Rohstoffpreise ist die Nachfrage in rasch wachsenden Schwellenländern, vor allem in China. In den vergangenen Monaten mögen Spekulationen von Finanzinvestoren die Preise zusätzlich getrieben haben; Ursache der Hausse waren sie nicht.

          Normalerweise setzen steigende Preise zwei dämpfende Mechanismen in Gang: Sie reduzieren die Nachfrage und schaffen ein zusätzliches Angebot, weil sich der Abbau zusätzlicher Förderstätten lohnt. In der Praxis funktioniert dieser Mechanismus heute nicht richtig. Großverbraucher wie China verfügen über so große Devisenreserven, dass sie Rohstoffe auch zu hohen Preisen einkaufen können, die sie an die heimischen Verbraucher zu subventionierten Preisen billig weitergeben. So bleibt die Nachfrage nach Rohstoffen hoch.

          Auf der anderen Seite erfordert ein zusätzliches Angebot Zeit. Die Landwirtschaft kann auf mittlere Frist mit der Erweiterung der Anbauflächen und einer intensiveren Nutzung vorhandener Ressourcen auf hohe Preise reagieren. Doch bis eine neue Rohstoffmine oder eine neue Ölquelle erschlossen ist, vergehen viele Jahre. Besonders schwierig sieht es beim Rohöl aus: Viele große Felder, die seit Jahrzehnten in Betrieb sind, haben ihren Förderhöhepunkt überschritten, während große neue Reserven kaum mehr erschlossen werden.

          Keine günstige Prognose

          Der französische Konzern Total hat sich kürzlich auf die Seite der Pessimisten geschlagen, welche die sogenannte „Peak-Oil-These“ vertreten: Danach hat die Förderung ihr Maximum bereits erreicht, weil die vorhandenen Reserven bislang überschätzt worden seien. Selbst wenn der aktuelle Ölpreis von gut 130 Dollar je Barrel spekulativ überzogen sein mag, würde Öl dann nie mehr wirklich billig.

          Kurzfristig ist der Weltwirtschaft keine günstige Prognose zu stellen, denn die notwendige Bekämpfung der Inflation wird das Wirtschaftswachstum belasten. Auf längere Sicht dürften hohe Rohstoffpreise jedoch einen Modernisierungsschub in Gestalt effizienterer Güter und Produktionsverfahren bewirken. In historischer Betrachtung war das Wachstum in der Welt vor allem innovationsgetrieben. So liegt auch in dieser Krise eine Chance.

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