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Weltnaturerbe in Gefahr  : Australien plant Megahafen am Great Barrier Reef

Das Great Barrier Reef ist seit 1981 Weltkulturerbe. Bild: dpa

Ein gigantisches Bauprojekt an der Ostküste Australiens sorgt für Streit: Die Regierung in Canberra will in der Nähe des weltberühmten Korallenriffs den größten Kohlehafen der Welt errichten – wenn Umweltschützer das Projekt nicht noch stoppen.

          Der größte Kohlehafen der Welt soll bald die Energieversorgung erheblich verbessern, doch schon der Bau ist heftig umstritten. Direkt gegenüber dem Great Barrier Reef an der australischen Ostküste soll der Hafen Abbot Point entstehen. Die neue Regierung ist entschlossen, das milliardenteure Vorhaben in die Tat umzusetzen, doch die Umweltschützer machen Front dagegen. Sie sorgen sich um das einzigartige Riff, das mit seinen Korallen und Fischbeständen zum Weltkulturerbe zählt – und argumentieren, dass die Genehmigungsbehörde ihre Meinung in letzter Sekunde geändert habe. Am heutigen Dienstag soll der Senat das Vorhaben auf Antrag der Grünen Australiens prüfen. Danach müssen wohl die Gerichte entscheiden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Treiber des Hafenprojekts sind drei Konzerne, die riesige Kohlevorkommen im nordöstlichen Bundesstaat Queensland heben wollen. Im Mittelpunkt steht Gina Rinhart, als Minen-Erbin der reichste Mensch Australiens. Sie ist eine der größten Unterstützerinnen der liberalen Regierung unter Ministerpräsident Tony Abbott. Die neue australische Regierung setzt wieder auf Kohle, um die Energieversorgung des Kontinents zu sichern. Umweltschützer unterstellen Abbott aber eine spürbare Nähe zu den Bergwerkskonzernen.

          Im Galilee-Becken hinter der Küste von Queensland sollen Milliarden Tonnen von Kohle liegen. Die beiden indischen Konzerne GVK und Adani-Group wollen sie zusammen mit Rinhart heben, um die Energieversorgung des Subkontinents zu verbessern. Indien liegt in der Absicherung seiner Energieversorgung weit hinter China zurück. GVK hat deshalb ein Gemeinschaftsunternehmen mit Hancock gegründet, dem Rohstoffkonzern von Milliardärin Rinehart. Das Trio will rund 16 Milliarden Dollar in das Galilee Projekt investieren. Um die Kohle aber ausführen zu können, muss der Hafen Abbot Point enorm erweitert werden. Der Milliardär und Neu-Parlamentarier Clive Palmer will für 6,4 Milliarden Dollar ein Kohlekraftwerk bauen und die Eisenbahnstrecke zum Hafen. Beides hat die Abbot-Regierung schon genehmigt.

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          Mindestens 120 Millionen Tonnen Kohle sollen vom neuen Hafen jährlich verschifft werden. Allerdings müssen für den Bau rund 3 Millionen Kubikmeter Sand und Schlamm gehoben werden. Diese wollen die Hafenbauer in der Nähe des Great Barrier Reefs in der offenen See versenken. Weltmarktführer BHP Billiton hatte sich aus dem Projekt zurückgezogen, mit dem Argument, dass es angesichts fallender Preise auf dem Weltmarkt nicht die erwartete Marge bringen würde. Gerade erst zog sich unter dem Applaus der Umweltschützer auch der Baukonzern Land Lease aus Sydney zurück.

          Das Riff ist seit 1981 Weltkulturerbe. Es umfasst ein Gebiet von rund 350.000 Quadratkilometern – so groß wie Deutschland. Mehr als 2000 Arten von Fischen und rund 4000 Arten von Korallen leben hier. Deshalb ist das Riff auch einer der wichtigsten Anziehungspunkte für Touristen. Sie verbringen jährlich mehr als zwei Millionen Urlaubstage in der Region. 63.000 Arbeitsplätze hängen am Geschäft mit dem Riff. Umweltschützer, Wissenschaftler und Touristikunternehmen sehen eine „Vergiftung von Pflanzen und Tieren im Riff durch das Abwerfen des Aushubs“. Greenpeace spricht von einer „Peinlichkeit“, die nur damit zu vergleichen sei, „Müll über dem Vatikan oder im Grand Canyon abzuwerfen“. Die Unesco, die den Status eines Weltkulturerbes vergibt, will einen neuen Bericht über die Lage des Riffs aber erst im Juni 2014 vorlegen – nach der Genehmigung der Riesen-Deponie. Australien fürchtet die Herabstufung auf das Niveau „gefährdete Region“.

          Russel Richard, der Sprecher der australischen Genehmigungsbehörde Great Barrier Reef Marine Park Authority, weist darauf hin, dass der Seegrund in dem Gebiet, das zur Lagerung freigegeben wurde, aus „Sand, Schlamm und Gips besteht, und weder Korallenriffe noch Seegras-Betten besitzt“. Die Behörde erließ 47 rigide Regeln mit dem Ziel, dass bis in einem Abstand von 20 Kilometern von der Lagerstätte keine Auswirkungen zu spüren sein sollen. Gleichwohl warnen Wissenschaftler, dass diese Deponie das Ökosystem erheblich belasten würde.

          Nun hat sich herausgestellt, dass die Genehmigungsbehörde den Bauplan ursprünglich hatte ablehnen wollen. Dies hat Greenpeace ermittelt, indem die Umweltschützer auf die gesetzlich zugesicherte Offenlegung von Daten pochten. In dem Entwurf der Behörde für die australische Regierung hatte es noch geheißen, das Ausgraben von Abbot Point berge das Risiko „langwährender, nicht wieder gut zu machender Schäden“. Seit dieser Vorlage aber habe es keine wesentlichen Änderungen an dem Bauplan mehr gegeben, sagen die Umweltschützer.

          Reichelt hält dagegen: Der Entwurf sei geschrieben worden, bevor die Regeln verhängt worden seien. Er repräsentiere „nicht die Sicht der Behörde“. Allerdings räumt Reichelt ein, die Aufsichtsbehörde habe eine Lagerstätte an Land bevorzugt. Hier kommt der neue australische Umweltminister Greg Hunt ins Spiel: Er verwies genüsslich darauf, dass schon die Vorgänger-Regierung der Labor-Partei die Deponie auf See als die noch beste vieler schlechter Möglichkeit betrachtet habe. Die Grünen indes sind der Ansicht, das Versenken in der See sei nur aus Kostengründen favorisiert worden. Im Senat halten die Grünen neun Sitze, die Regierung hat 34, und 31 liegen bei der großen Opposition der Labor Partei. Allerdings hatten sowohl Labor als auch die Regierungspartei das Projekt favorisiert. In Zeiten, in den Australien massiv Industriearbeitsplätze verliert, wird es schwer werden, es im Endstadium noch einmal aufzuhalten.

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