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Welt-Ozean-Konferenz : Wie kann man Meere nachhaltig bewirtschaften?

Fischkutter in der Nordsee: Würde gezielter gefischt auf den Weltmeeren, hätten alle etwas davon. Bild: dpa

Wären die Weltmeere ein Staat, wären sie 24 Billionen Dollar wert – mehr als die Vereinigten Staaten. Einen Plan, diese gewaltigen Ressourcen zu nutzen, gibt es aber erst in Ansätzen.

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          Die Ausbeutung der Meere hat gerade erst begonnen, muss aber über eine viel engere internationale Zusammenarbeit gesteuert werden. „Wenn wir nun nicht anfangen, die Meere zu schützen, werden wir keine Gelegenheit mehr bekommen, ihre Werte wirtschaftlich zu nutzen“, warnte Karmenu Vella, EU-Kommissar für Umwelt und Maritime Angelegenheiten, auf dem Welt-Ozean-Gipfel in Nusa Dua auf der indonesischen Insel Bali. Banker wiesen darauf hin, dass die Finanzindustrie die „blaue Wirtschaft“ nun allmählich entdeckte und nach Möglichkeiten fahnde, nachhaltige Projekte zu finanzieren.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Sie sind aber noch sehr klein und müssen erst gebündelt werden, um das richtige Volumen für Investoren zu erreichen“, sagte Mark Burrows, Geschäftsführer der Investmentbank-Aktivitäten bei der Schweizer Bank Credit Suisse auf dem Gipfel, veranstaltet vom Wirtschaftsmagazin „The Economist“. Sein Kollege Michael Eckhart, Chef des Bereichs Finanzierung von Umweltprojekten und Energie bei der Citigroup, erklärte: „Wir stehen bei der Finanzierung der ‚blauen Wirtschaft‘ heute dort, wo wir mit den erneuerbaren Energien vor der Jahrtausendwende waren.“

          In allen Feldern aber geht es um enorme Summen: Allein weniger und ausgewählter zu fischen würde dem Fischereisektor jährlich geschätzt zusätzliche 83 Milliarden Dollar an Einnahmen bringen, was besonders den Entwicklungsländern helfen würde, erklärte Lauran Tuck, Vizepräsidentin für Nachhaltige Entwicklung bei der Weltbank. Der Wert, der derzeit über die Ausbeutung und Bewirtschaftung der Weltmeere erzeugt wird, wird schon jetzt auf mehr als 2,5 Billionen Dollar jährlich geschätzt. Mit einer solchen Wirtschaftsleistung wären die Meere, bildeten sie ein Land, schon heute das siebtgrößte der Erde, nach Großbritannien und vor Brasilien, Italien, Russland oder Indien. „Die Ozeane machen rund 70 Prozent der Oberfläche unserer Erde aus. Sie stehen für rund fünf Prozent der weltweiten wirtschaftlichen Aktivität“, sagte Vella.

          Den Gesamtwert der möglichen Leistung der Weltmeere – ohne etwa ihren kulturellen Wert und ohne ihre Bedeutung für den Erhalt der Lebensfähigkeit auf dem Land – schätzt die Managementberatung Boston Consulting auf 24 Billionen Dollar. Das ist ein Drittel mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten von Amerika.

          Entwicklungsziele sollen rasch formuliert werden

          Anwar Hossain Manj, Umweltminister des vom Klimawandel stark berührten Bangladesch, warnte auf der Konferenz: „Weil wir der Wirtschaft immer Vorfahrt einräumten, haben wir nun einen Planeten, der für viele Menschen unbewohnbar ist. Das Wirtschaftswachstum hat Menschen in vielen Ländern nicht geholfen. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Erde für alle bewohnbar ist.“ Die Umweltorganisation World Wildlife Fund (WWF) dringt nun darauf, weltweit ein Protokoll zum Schutz der Ozeane zu formulieren und zu verabschieden, ähnlich den von den Vereinten Nationen 2015 übernommenen Zielen für eine nachhaltige Entwicklung.

          Welche Chancen eine maritime Wirtschaft bietet, scheint das viertgrößte Land der Erde entdeckt zu haben. Der Inselstaat Indonesien, das größte muslimische Land der Welt, macht ein knappes Fünftel seiner Wirtschaftsleistung im Geschäft mit dem Meer, das zugleich knapp 12 Prozent der Arbeitsplätze des Landes mit seinen 240 Millionen Einwohnern schafft. Alleine Dank eines Entwicklungsprogramms auf der Insel Lombok gemeinsam mit der Welternährungsorganisation sollen 80.000 neue Stellen und ein zusätzlicher Umsatz von 1,3 Billionen Rupiah (92 Millionen Euro) geschaffen werden.

          Indonesien, das Mitglied der G-20 ist, unterstütze die rasche Formulierung nachhaltiger Entwicklungsziele durch die Vereinten Nationen, erklärte dessen Stellvertretender Präsident Jusuf Kalla auf der Konferenz: „Die internationale Gemeinschaft kann die Bedeutung nachhaltiger Meereswirtschaft nicht länger negieren, wenn wir eine nachhaltige Entwicklung wollen. Wie bisher kann es nicht weitergehen.“ Allerdings gilt der Staat mit seinen gut 17.000 Inseln als einer der größten Verschmutzer der Meere mit Plastikabfall. Kalla mahnte zugleich mit Blick auf China zum Einhalten internationalen Rechts auf den Ozeanen: Gerade das Südchinesische Meer, in dem China seine Landnahme gegen den Willen der kleineren Anrainerstaaten vorantreibt, sei gefährdet. „Dort aber werden rund 40 Prozent des Welthandels im Wert von mehr als 5 Billionen Dollar abgewickelt“, warnte Kalla vor einer Intensivierung des Konfliktes.

          „Plastik ist zu wertvoll, um ihn wegzuwerfen“

          Unter Druck steht auch die Industrie. Dafür sprachen nicht nur die ranghohen Vertreter von Unternehmen wie Shell, BASF oder Cargill im Plenum. Sie muss sich verteidigen gegen den Vorwurf, die Meere zu verdrecken und auszubeuten, und neue Ansätze vorlegen. Ansonsten dürfte etwa der Anteil am weltweiten Kohlendioxidausstoß durch Schiffe von derzeit drei Prozent auf die befürchteten 18 Prozent bis 2050 steigen, warnte Jan Dieleman, der für den Rohstoffhandelskonzern Cargill das Seefrachtgeschäft leitet. Patrick Thomas, Vorstandschef des Kunststoffherstellers Covestro, der Ausgründung der Bayer AG, mahnte zur Weiterverwertung von Plastik. „20 Prozent des Kunststoffes im Meer stammen von Schiffen, 80 Prozent vom Land. Der Rohstoff ist viel zu wertvoll, um einfach weggeworfen zu werden.“

          Angeschwemmter Plastikmüll am Atlantikstrand Ngor in Senegals Hauptstadt Dakar. Rund zehn Millionen Tonnen Müll gelangen nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) pro Jahr in die Weltmeere, drei Viertel davon ist Plastik.

          Inzwischen bereiten insbesondere sogenannte „Mikroplastics“ Sorgen: Die winzigen Teilchen, die von Autoreifen und synthetischen Textilien stammen, sollen für rund 30 Prozent des Plastikmülls im Meer stehen. Jährlich landen etwa 9,5 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen. Ein jüngst in Norwegen gestrandeter Wal hatte so viel Plastik im Magen, dass es der Menge von 1,5 Kilogramm in einem menschlichen Darm entsprochen hätte. Die Vereinten Nationen kündigten auf dem Gipfel auf Bali ein weltumspannendes Projekt zum Vermeiden, Sammeln und Wiederverwerten von Kunststoff an. Erst am vergangenen Wochenende hatte die Einwohner der Ferieninsel 40 Tonnen Plastikmüll an ihren Stränden eingesammelt.

          Im Jahr 2050 werde, wenn der Plastikmüll wie bisher zunimmt, in den Meeren am Gewicht gemessen, mehr Plastik als Fisch zu finden sein, hatte das Weltwirtschaftsforum gewarnt. Adam Goldstein, Vorstandschef des Kreuzfahrtkonzerns Royal Caribbean Cruises, der mit 45 Schiffen fast 6 Millionen Gäste jährlich bedient, verwies aber auch auf die immensen Investitionen der Branche, auch zur Vermeidung von Müll. „Uns treibt die Regulierung.“ Allerdings monierte er, dass die Industrie nun wesentlich weiter sei als die Regierungen und Gemeinden: „Unsere Schiffe steuern rund um die Welt 500 Küstenorte jährlich an. Praktisch keiner von ihnen arbeitet so nachhaltig wie wir.“

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