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Weber-Nachfolger kommt aus dem Kanzleramt : Jens Weidmann wird neuer Bundesbank-Präsident

  • Aktualisiert am

Jens Weidmann Bild: dpa

Die Bundesbank wird jünger und weiblicher: Merkels enger Berater Jens Weidmann folgt als jüngster Notenbank-Chef dem überraschend zurückgetretenen Axel Weber, bei dem er einst studierte. Zudem zieht erstmals auch eine Frau in den Bundesbank-Vorstand ein.

          Aus dem Kanzleramt zur Bundesbank: Der wirtschaftspolitische Berater der Kanzlerin, Jens Weidmann, wird neuer Präsident der Bundesbank. Weidmann tritt die Nachfolge von Bundesbankchef Axel Weber an, der im April zurücktritt. Das sagte Merkel am Mittwoch in Berlin. Neue Vize-Präsidentin der Währungshüter solle als erste Frau die bisherige Bankenaufseherin Sabine Lautenschläger werden.

          Der 42-jährige Weidmann wird der jüngste Notenbank-Chef in der Geschichte der Bundesbank. Der Spitzenposten wird vorzeitig frei, weil Noch-Präsident Axel Weber Ende April zurücktritt. Weber gilt als wissenschaftlicher Ziehvater von Weidmann, der bei ihm studierte. Ernannt wird der Bundesbank-Chef formal vom Bundespräsidenten. Normalerweise dauert die Amtszeit des Bundesbank-Präsidenten acht Jahre. Nur ausnahmsweise kann er für mindestens fünf Jahre bestellt werden. Was im Vertrag des Bundesbank-Chefs steht, also zum Beispiel sein Gehalt, regelt die Bundesbank selbst, jedoch muss die Bundesregierung zustimmen. Noch-Bundesbank-Präsident Weber bekam laut Geschäftsbericht der Bundesbank 2009 insgesamt knapp 390.000 Euro.

          Weidmann soll schon zum 1. Mai seine Arbeit in Frankfurt beginnen. Er nahm am Mittwoch bereits nicht mehr an der Kabinettssitzung teil, in der die Personalien zur Kenntnis genommen wurden. Der Ökonom beende „mit dem heutigen Tag“ seine Arbeit als Abteilungsleiter im Kanzleramt.

          Sabine Lautenschläger-Peiter

          Erfahrene Bankenaufseherin wird erste Frau im Bundesbank-Vorstand

          Weidmann galt seit einigen Tagen schon als Favorit für die Nachfolge von Axel Weber an der Bundesbank-Spitze (siehe Bundesbank: Weidmann wird wahrscheinlich Weber-Nachfolger). Westerwelle hatte zunächst aber mit der Zustimmung für Weidmann gezögert. Bei den Liberalen gab es Sorgen, dass durch einen direkten Wechsel Weidmanns von der Politik zur Bundesbank ein unguter Eindruck entstehen könnte. Auch die Opposition hatte gewarnt, die Unabhängigkeit der Bundesbank stehe auf dem Spiel.

          Auf Vorschlag Westerwelles sollte eine Frau auf den Vize-Posten rücken, für den ursprünglich Weidmann im Sommer vorgesehen war. Auch Merkel soll eine Frau gewünscht haben. Westerwelle schlug in der FDP-Fraktion Lautenschläger vor. Es gab keine Einwände gegen die 46-jährige Juristin Lautenschläger-Peiter, die Deutschland bereits als Exekutivdirektorin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) bei den Verhandlungen des Baseler Ausschusses zur Reform der Eigenkapitalregeln (Basel III) vertreten hat (siehe Deutschland setzt sich bei Kapitalregeln für Banken durch) - gemeinsam mit dem scheidenden Vize-Präsidenten der Bundesbank, Franz-Christoph Zeitler.

          Merkel hatte Weidmann vor fünf Jahren als ihren Berater ins Kanzleramt geholt. Er bereitet auch die Weltwirtschaftsgipfel im Kreis der G8- und G20-Staaten vor. In der Finanzkrise gehörte Weidmann zum kleinen Kreis der Spitzenbeamten, die die gigantischen Rettungspakete für Banken und Wirtschaft steuerten.

          Weidmann mit Doktorarbeit über Geldpolitik

          Weidmann gilt als strikter Verfechter einer stabilen Währung. Nach seinem Abitur 1987 studierte er Volkswirtschaftslehre in Aix-en-Provence, Paris und Bonn. Später promovierte er mit einer Dissertation über die europäische Geldpolitik beim Geldtheoretiker Manfred Neumann. Ende der 90er Jahre war Weidmann dann für den Internationalen Währungsfonds in Washington in dessen Afrika-Abteilung tätig. Zurück in Deutschland arbeitete er von 1999 bis 2003 als Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Die 5 Wirtschaftsweisen“). Weidmann galt als einer der Initiatoren eines Vorschlags der Wirtschaftsweisen zum grundlegenden Umbau der Sozialhilfe und zur Einrichtung eines sozial abgesicherten Niedriglohnsektors und war maßgeblich an der Erarbeitung des aufsehenerregenden Jahresgutachtens 2002/2003 mit dem Titel „20 Punkte für Beschäftigung und Wachstum“ beteiligt, das zu einem großen Teil in das Reformpaket der „Agenda 2010“ unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder einfloss.

          Anfang 2006 machte die Kanzlerin den außerhalb von Expertenkreisen relativ unbekannten und parteilosen Weidmann zu ihrem Wirtschafts-Chefberater. Er erarbeitete sich schnell Ansehen in Berliner Regierungskreisen. Für Merkel wurde er zum loyalen Vertrauten in ökonomischen Fragen.

          Lob von Rürup und Weber

          Weidmanns Expertise wird von mehreren Seiten gelobt: Der Wirtschaftsexperte Bert Rürup hält ihn für eine gute Besetzung: „Durch seine Arbeit im Bundeskanzleramt hat Jens Weidmann gelernt, wie politische Ziele zu erreichen sind. Das ist eher ein Vorteil als ein Nachteil, um ein erfolgreicher Bundesbank-Präsident zu sein“, sagte Rürup dem Düsseldorfer „Handelsblatt“ vom Mittwoch. Allerdings wäre es aus Sicht Rürups günstiger, wenn es eine Übergangszeit zwischen Weidmanns Tätigkeit im Kanzleramt und der Übernahme der Leitung der Bundesbank geben würde.

          Auch Axel Weber, der mit seinem plötzlichen Rückzug mitten in der Euro-Schuldenkrise Merkel in Schwierigkeiten brachte, hatte sich für Weidmann als seinen Nachfolger stark gemacht. „Jetzt ist es Zeit, jüngere Kräfte ranzulassen.“ Weidmann sei „ein hervorragender Ökonom“ und „ein absoluter Profi“, sagte Weber. Ihm zu viel Nähe zur Politik vorzuwerfen, sei nicht gerechtfertigt.

          Nach Webers Abgang beharrt die Bundesregierung nicht mehr auf einem Deutschen an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB). Merkels Kandidat Weber galt lange als Favorit für die Nachfolge von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, der im Herbst aufhört. Weber hatte sich mit seiner Kritik am EZB-Krisenmanagement in der Euro-Schuldenkrise international isoliert und schließlich das Handtuch geworfen.

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