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Trinkwasserqualität : Warum die Wasserrechnung steigen wird

  • -Aktualisiert am

Landwirt in Niedersachsen. Bild: dpa

In Deutschland ist das Trinkwasser so sauber wie in fast keinem anderen Land. Aber Landwirte kippen unverantwortlich viel Gülle auf ihre Äcker. Das hat einen hohen Preis.

          3 Min.

          Für die vielen Flüchtlinge, die derzeit nach Deutschland strömen, hält die Wasserwirtschaft ein Faltblatt parat. Darin steht in zehn Sprachen, was für hiesige Verbraucher selbstverständlich ist: Leitungswasser ist von bester Qualität, es wird streng kontrolliert, ist immer verfügbar und kann selbst für Babynahrung unbedenklich genutzt werden. Dass der Genuss aus dem Wasserhahn anderswo oft keiner ist, wissen nicht nur deutsche Touristen, sondern auch die Flüchtlinge aus Afghanistan, Irak und Syrien.

          Deutschlands Wasserkunden lassen sich Qualität, Sicherheit und Nachhaltigkeit einiges kosten. Bei manchen Versorgern haben die Kartellbehörden überzogene (Monopol-)Preise bemängelt und Preissenkungen erzwungen. Mehrfach gab es Anläufe für verpflichtende Ausschreibungen des Wassergeschäfts auf Zeit. Das hat die in Gemeinden und Ländern verwurzelte Branche abgewehrt. Immerhin setzten solche ordnungspolitischen Attacken und die Aufmerksamkeit der Bürger die Branche unter Rechtfertigungsdruck. Kennzahlenvergleiche, die zwar nur freiwillig stattfinden, schaffen ein wenig Transparenz.

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          Trotzdem sind die Bürger mit ihren Wasserversorgern zufrieden. Der Anschlussgrad liegt bei fast 100 Prozent, der Verbrauch je Einwohner ist mit 122 Litern am Tag so niedrig wie selten, was auch für Transportverluste gilt. Ähnlich ist die Lage beim Abwasser: 98 Prozent der Abwässer werden mechanisch und biologisch gereinigt. Nährstoffe werden ausgefiltert, damit das Abwasser sauber wieder in den Wasserkreislauf sickert. England und Frankreich schaffen nur die Hälfte.

          Doch die Begeisterung in der von nüchternen Ingenieuren und bodenständigen Kaufleuten geführten Branche hält sich in Grenzen. Denn die Arbeitsbedingungen werden schwieriger. Das fängt bei der Gewinnung und Aufbereitung von Trinkwasser an. Wachsendes Preis- und Umweltbewusstsein hat die Nachfrage gesenkt. Dabei ist Wasser hierzulande kein knappes Gut, dessen Nutzung der Umwelt zuliebe reduziert werden müsste. Dem geringen Verbrauch stehen hohe Fixkosten gegenüber, die die Wasserwerke finanzieren müssen.

          Verschlechterung der Grundwasserqualität

          Hinzu kommt an immer mehr Orten eine Verschlechterung der Grundwasserqualität. Der chemische Zustand des Grundwassers, aus dem das Trinkwasser gewonnen wird, ist in vielen Regionen laut Bundesumweltministerium schlecht. Schuld daran hat in erster Linie die Landwirtschaft, die unverantwortlich große Mengen Gülle auf ihre Äcker kippt. Statt eines vorsorgenden Grundwasserschutzes, den die Bauernlobby in der Debatte um das Fracking so laut propagiert, wälzt sie hier die Verantwortung für das Trinkwasser mit Unterstützung der Landwirtschaftspolitik auf die Wasserversorger ab. Die versuchen die Kosten für das Bohren neuer Brunnen an ihre Kunden durchzureichen.

          Was gerade noch Trinkwasser ist, wird bald zum Abwasser. Hier sind die Probleme noch größer. Die Kanalisation ist überaltert, die Investitionen fallen hinter die Rate der Abschreibung zurück. Immer mehr Kommunen verbrauchen ihren Kapitalstock. Wie Brücken und Straßen verschleißen auch Kanalrohre. Dass sich darüber so wenige Leute aufregen, liegt vermutlich daran, dass man die Rohre nicht sieht. Das ist nicht nur ein umweltpolitisches Ärgernis: Eine moderne, verlässliche Abwasserentsorgung ist auch vorbeugender Gesundheitsschutz.

          Wenn es nur um den Erhalt von Kanalisation und Klärwerken ginge. Sie müssen mit immer neuen Forderungen zurechtkommen: In ländlichen Regionen müssen Kanäle wegen der schrumpfenden Bevölkerung zurückgebaut werden. Anderswo müssen Rückhaltebecken für Starkregen errichtet werden, die mutmaßlich dem Klimawandel geschuldet sind. Eine neue Verordnung besagt, dass Klärschlamm nicht mehr auf Äcker verbracht werden darf. Er soll binnen zehn Jahren verbrannt, das Phosphat als Dünger zurückgewonnen werden. Die Verbrennungsanlagen für die riesigen Mengen gibt es noch gar nicht.

          Immer neue Messverfahren, verbunden mit dem Willen, die Umwelt zu schonen und zu erhalten, erhöhen die Anforderungen an die Reinigung der Abwässer. Drei Reinigungsstufen sind hierzulande die Norm, bald könnten es vier Reinigungsstufen sein, damit auch kleinste Plastikpartikel aus der Kosmetik, Reifenabrieb aus dem Straßenverkehr oder Medikamentenreste aus dem Abwasser gefiltert werden.

          Drei Ziele können nicht auf einmal erreicht werden

          Zu Recht klagen die Wasserbetriebe darüber, dass Verursacher nicht ausreichend belangt werden - siehe Nitrateinträge der Bauern. Stattdessen konzentriert sich der Aktionismus auf das „Ende des Rohrs“. Die Politik muss sich darüber im Klaren sein, dass sie drei Ziele auf einmal nicht erreichen kann: höhere Anforderungen an die Wasserversorger bei stabilen Preisen und womöglich wachsenden Ergebnisabführungen an klamme Kämmerer.

          Die Betriebe werden weiter nach Effizienzpotentialen suchen müssen, Tarifumstellungen mit höherem Fixkostenanteil gehören dazu. Vor allem sollten sie die Verbraucher besser informieren. So könnten sie diese als Partner im politischen Streit gewinnen. Und sie wüssten dann wenigstens, warum sie für gutes Trinkwasser bald wieder mehr Geld zahlen müssen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

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