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Jürgen Osterhammel : Merkels Welterklärer

Jürgen Osterhammel lehrt Geschichte an der Universität Konstanz. Bild: dpa

Jürgen Osterhammel ist der Mann, den sich die Kanzlerin zum 60. schenkt. Sein Vortrag wird einige Zumutungen enthalten, mindestens drei.

          2 Min.

          Alle zehn Jahre, wenn sie einen runden Geburtstag feiert, lässt Kanzlerin Angela Merkel ein wenig in ihr Inneres blicken: Was beschäftigt sie gerade? Worüber denkt sie nach? Welche Themen sind ihr wichtig, jenseits des aktuellen Parteienstreits? Die Auswahl des Festredners liefert Indizien.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Heute wird Merkel 60 Jahre alt, und Jürgen Osterhammel ist der Mann, den sie sich zum Geschenk macht. Für die geladenen Gäste aus dem deutschen Politikbetrieb könnte der Vortrag des fast gleichaltrigen Geschichtsprofessors einige Zumutungen bereithalten. Und das nicht nur, weil Osterhammel ähnlich wie Merkel alles andere als ein Charismatiker ist.

          Die größte Provokation besteht im Zuschnitt seines Fachs. Das Spezialgebiet, das Osterhammel an der Konstanzer Elite-Uni vertritt, ist die Welt. „Globalgeschichte“ nennt sich der Forschungsansatz, den er hierzulande etabliert hat. Das Klein-Klein der deutschen Innenpolitik, das seine Fachkollegen so lange beschäftigt hat, interessiert ihn weniger.

          Die Welt ist nicht Europa und Nicht-Europa

          Schon deshalb ist sein Auftritt ein Kommentar zu den jüngsten Debatten über Deutschlands mangelndes Interesse am Rest der Welt. Nicht um die Vorliebe für Militäreinsätze geht es dabei, die man zuletzt dem Bundespräsidenten Joachim Gauck unterstellte. Sondern um die Offenheit des Blicks, um das Bewusstsein, dass Weltgeschichte auch außerhalb Europas spielt - und das nicht erst im 21. Jahrhundert.

          Das führt zu erstaunlichen Neuinterpretationen. Dass der amerikanische Präsident Abraham Lincoln die Abschaffung der Sklaverei durchsetzte, war aufs Ganze gesehen vielleicht doch wichtiger als die Sozialgesetze des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck. Und die heutigen Klagen über angebliche Flüchtlingswellen verblassen beim Blick auf die globalen Wanderungsbewegungen früherer Jahrhunderte, die einen weit größeren Anteil der Weltbevölkerung in Bewegung setzten.

          „Ich halte wenig von der Vorstellung, dass die Welt in Europa und Nichteuropa zerfällt“, hat Osterhammel in einem Interview mal gesagt. „Vieles, was wir für eine einsame Entwicklung des Westens halten, hat es in anderen Kulturen längst gegeben.“ Das ist ganz der Merkel-Sound: Wir müssen uns anstrengen, auch die Chinesen schlafen nicht. Nur dass Osterhammel, der als China-Experte begonnen hat, den ängstlichen Unterton nicht teilen würde.

          Grenzen des freien Willens

          Sein bekanntestes Buch ist eine dickleibige Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts, die nur mit Zuschüssen einer Stiftung gedruckt wurde und die sich dann doch zum Verkaufserfolg entwickelte. Das Werk geriet dem Mann, der historischen Großthesen eigentlich abgeneigt ist, zu einer Hymne auf den Fortschritt. Er nannte es folgerichtig „Die Verwandlung der Welt“.

          Das ist die nächste Zumutung: Osterhammel zwingt seine Zuhörer, die ökonomische Globalisierung gut zu finden. Niemand bestreitet, so schreibt er, dass die Welt im Ganzen um 1900 deutlich reicher war als ein Jahrhundert zuvor. „Das Pro-Kopf-Einkommen war gestiegen, die Menschheit materiell reicher geworden, die Möglichkeit eines stabilen Wachstums erstmals in der Geschichte realisiert worden.“

          Und die dritte Provokation: In einem solchen Szenario schrumpft der Handlungs-Spielraum der Politik. Einerseits wird der globale Demokratie-Export kaum glücken. Andererseits gibt es Entwicklungen, die in London, Peking oder Buenos Aires ganz ähnlich ablaufen. Wie sollte sich eine deutsche Kanzlerin anmaßen, daran etwas Grundsätzliches zu ändern? Politik, glaubt Osterhammel, mache sich „die unglaublichsten Ilusionen über langfristige Gestaltbarkeit“.

          Damit schließt sich der Kreis zu dem Redner, den sich Merkel vor zehn Jahren wünschte. Damals referierte der Hirnforscher Wolf Singer über die Grenzen des freien Willens. Damit nahm er der Kanzlerin die Verantwortung für ihr Handeln praktisch ab. Ganz so weit wird der Historiker Osterhammel wohl nicht gehen.

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