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Turbulenzen an den Märkten : Warum kippt die Schweiz die Euro-Anbindung?

Nahe dem Eggishorn bei Fiesch (Wallis) weht die Schweizer Fahne. Bild: dpa

Die Schweizer Nationalbank schafft die Kursuntergrenzen zum Euro ab. Wieso? Und wieso gerade jetzt? FAZ.NET beantwortet die wichtigsten Fragen.

          Das kam überraschend. Gerade noch hatte die Schweizerische Nationalbank erklärt: Der Franken bleibt fest an den Euro gekoppelt, die Kursuntergrenze von 1,20 Franken steht. Nun schafft sie den Mindestkurs überraschend ab. Die Anleger sind überrascht, alle anderen auch. Wieso also jetzt dieser Schritt? Hier kommen die wichtigsten Fragen und Antworten:

          Warum hatte die Schweizer Nationalbank überhaupt die Kursuntergrenze eingeführt?

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Als die Schweizer Notenbank am 6. September 2011 entschied, den Franken an den Euro zu binden, war die Angst an den Finanzmärkten um die Zukunft der Europäischen Währungsunion groß. Die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen lag oberhalb von 5 Prozent, der Franken hat gegenüber dem Euro kurz zuvor massiv aufgewertet bis beinahe auf ein Tauschverhältnis von eins zu eins. Der Grund: Viele Menschen wollten ihr Geld in Sicherheit bringen und wählten dafür die solide Eidgenossenschaft. Die exportstarken und -abhängigen Schweizer Unternehmen sorgten sich um ihre Wettbewerbsfähigkeit, die durch den starken Franken gelitten hatte.

          „Wir haben den Mindestkurs in einer dramatischen Situation einführt“, sagte der Schweizer Notenbankchef Thomas Jordan am Donnerstagnachmittag auf der Pressekonferenz. „Das hat der Schweizer Wirtschaft Sicherheit gebracht.“ Und: „Die Wettbewerbsfähigkeit konnte erhalten bleiben.“

          Warum wird die Untergrenze jetzt abgeschafft?

          Zentralbankchef Thomas Jordan nennt mehrere Gründe:

          1. Die Schweizer Unternehmen hatten dreieinhalb Jahre Zeit, um sich an den stärkeren Franken anzupassen. Sie seien nun in der Lage, mit der stärkeren Währung umzugehen.

          2. Aufgrund der unterschiedlichen geldpolitischen Entwicklung in den großen Währungsräumen sei die Kursuntergrenze mittelfristig nicht mehr sinnvoll. Das klingt etwas kryptisch, und Jordan wurde auch nicht klarer. Die Äußerungen zielen nach einhelliger Auffassung darauf, dass die Europäische Zentralbank schon in der kommenden Woche ihre Geldpolitik weiter lockern könnte und dazu ein neues Staatsanleihekaufprogramm beschließen könnte. Vielleicht wäre das der Schweiz zu locker. Die amerikanische Notenbank zieht dagegen in die andere Richtung: Sie hat ihre Anleihekäufe mittlerweile eingestellt und denkt eher über eine Zinserhöhung nach.

          3. Die Überbewertung des Franken, welche die SNB veranlasste, den Franken an den Euro zu binden, sei mittlerweile zurückgegangen.

          Sind das die wahren Gründe?

          Es sind vielleicht nicht alle. Analysten jedenfalls nennen noch einen weiteren: Die Schweizer Notenbank habe die Teil-Kursbindung faktisch kaum halten können. Denn um das zu tun, muss sie in großem Umfang ausländische Wertpapiere kaufen. Tatsächlich kaufte sie viele deutsche Bundesanleihen, wodurch die Schweiz mittlerweile zum größten Gläubiger der Bundesrepublik geworden ist.

          Natürlich könnte die Notenbank immer weiter kaufen, doch dann würden ihre Devisenreserven immer weiter in die Höhe schießen. Erst im Dezember sind sie um mehr als 30 Milliarden auf rund 500 Milliarden Franken gestiegen. Jetzt kommt wohl das Staatsanleihen-Kaufprogramm der EZB. Das dürfte den Euro-Kurs weiter unter Druck setzen und hätte mehr Eingriffe der SNB notwendig gemacht, wenn man die Kurzgrenze hätte halten wollen. SNB-Chef Jordan sagte auf Nachfrage zwar, die aktuelle Entscheidung habe nichts mit der EZB zu tun - und auch nicht damit, dass der EU-Generalanwalt ein Staatsanleihen-Programm der EZB für rechtmäßig hält.

          Trotzdem drängt sich angesichts des Zeitpunktes genau dieser Zusammenhang auf. Außerdem schafft die SNB ja nicht nur die Kursuntergrenze ab, sondern verdreifachte zugleich die Strafzinsen für die Banken auf nun 0,75 Prozent - gelten sollen sie ab dem 22. Januar, genau dem Tag, an dem die Euro-Notenbanker das nächste Mal zusammenkommen.

          Die Notenbank verlangt künftig auch mehr Strafzinsen. Warum?

          Um den Franken unattraktiver zu machen. „Das Halten von Franken wird für Spekulanten teurer“, sagt Notenbank-Chef Jordan. Die höhere Strafzinsen dürften wenigstens teilweise die nun offiziell abgeschaffte Kursuntergrenze kompensieren. Entsprechende Erfahrungen gibt es aus Dänemark und natürlich auch im Euroraum - die EZB hatte ja schon im Juni des vergangenen Jahres zu dieser Maßnahme gegriffen.

          Verletzt die Zentralbank ihr Mandat?

          Die Schweizer Notenbank hatte im Dezember für dieses Jahr eine Inflationsrate von -0,1 Prozent prognostiziert. Der nun aufwertende Franken und der Einbruch des Ölpreises dürften deflationäre Tendenzen verstärken. Das gab SNB-Chef Jordan auch freimütig zu. In der mittleren Frist werde sich allerdings Preisniveaustabilität wieder einstellen. „Der Negativzins wird die Inflation in den positiven Bereich zurück bewegen.“

          Wird die SNB nun nicht mehr am Devisenmarkt eingreifen?

          Sicher sagen kann man das nicht. Es gibt kein offizielles Kursziel mehr. Notenbanker Jordan beließ diese Option aber eindeutig auf dem Tisch: „Wir bleiben bei Bedarf am Devisenmarkt aktiv, um die monetären Rahmenbedingungen zu beeinflussen.“

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