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Lebensmittel : Warum Bionahrung die Welt nicht besser macht

Alles öko, alles prima? Bild: ddp

Drei Mythen pflegen die Menschen, wenn es um Öko-Lebensmittel geht: Bionahrung schont die Umwelt. Fairer Handel nützt armen Bauern. Und das Gemüse von nebenan ist besser als Importware. Stimmt leider alles nicht.

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          Bio boomt. Fairer Kaffee aus Nicaragua, euterwarme Milch vom Bauern nebenan, die Möhre aus dem Ökolandbau - die Deutschen wollen gesundes Essen. „Die deutschen Bauern können die Nachfrage nach Bio nicht mehr befriedigen“, berichtet die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft. 2005 ist der Umsatz von Öko-Lebensmitteln um rund 15 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro gestiegen. Für dieses Jahr erwartet der Bauernverband ein Umsatzplus von 15 Prozent.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Klingt gut. Ist es aber nicht. Indizien verdichten sich zu einem Bild, das den meist besserverdienenden Biokunden den Appetit verderben könnte und den ethisch-moralischen Überbau des guten Essens ins Bröckeln bringt. Es gibt so etwas wie einen Glaubenskern, an den ökologisch und politisch bewußte Menschen bei der Nahrungsauswahl fest glauben: Lebensmittel, die ohne künstliche Chemie erzeugt werden, sind gesünder und für die Umwelt besser. Zweitens: Der Verbrauch von Erzeugnissen vom Landwirt nebenan ist umweltschonender als der Verbrauch von Importware aus Neuseeland oder Argentinien. Und schließlich: Sogenannter Fairer Kaffee oder Fairer Kakao schützt Bauern in Südamerika, Afrika und Vietnam vor Ausbeutung und gibt der Bevölkerung eine wirtschaftliche Perspektive.

          Annahmen sind einen Streit wert

          Linke, Grüne, junge Mütter, alte Ökos und große Teile des Bürgertums einigen sich auf diese Vorstellung. Leider sind die Annahmen falsch oder zumindest einen Streit wert. Daß ökologisch produzierte Erzeugnisse gesünder sind als konventionell produzierte Lebensmittel, ist bisher durch keine Studie bewiesen worden. Pestizidrückstände werden zwar in höherer Konzentration in klassisch erzeugten Lebensmitteln gefunden, aber in der Regel deutlich unterhalb der Grenzwerte. Und ob diese Rückstände gefährlich sind, ist nicht belegt.

          Öko-Landwirtschaft ist einen Streit wert

          Noch schwerer wiegt ein anderes Argument gegen den ökologischen Landbau. Das hängt mit dem „Flächenverbrauch“ und der „Flächenproduktivität“ zusammen: Weil Ökolandbau auf die Anwendung von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln verzichtet, sind die Erträge deutlich geringer als beim konventionellen Landbau. Erntet ein konventioneller Landwirt auf einem Hektar etwa 70 Dezitonnen Weizen, so kommt der Ökobauer gerade auf die Hälfte.

          Ökolandbau bedroht den Wald

          „Der Flächenverbrauch würde weltweit 30 Prozent größer sein, wenn wir ganz auf Öko-Landbau umstiegen“, sagt Agrarwissenschaftler Michael Schmitz von der Universität Gießen. „Wir müßten die Wälder abholzen, um die Menschen ernähren zu können.“ Jetzt, da die Ware noch überwiegend konventionell erzeugt wird, vergrößern sich zumindest in den Industrieländern die Waldgebiete. Wald absorbiert Kohlendioxyd, das als Treibhausgas gilt.

          Durch den internationalen Boom bei Biolebensmitteln bekommt dieses Problem eine neue Dimension. Handelsriesen wie Wal-Mart und Aldi stellen sich auf die Verbraucherwünsche ein. Weil die Nachfrage mit den Erzeugnissen vor Ort nicht mehr gedeckt werden kann, werden Biolebensmittel zunehmend importiert aus Ländern wie Brasilien zum Beispiel, wo die Ausdehnung der Landwirtschaft ohnehin schon den tropischen Regenwald bedrängt. Der Ökolandbau bedroht den Wald zusätzlich, weil er viel mehr Boden verbraucht. Umstritten ist auch, daß für den Ökolandbau weniger Energie verbraucht wird. Konventionelle nutzen Kunstdünger, dessen Produktion Energie verbraucht. Trotzdem schneidet nach Berechnung des Biochemikers Anthony Trewavas Ökolandbau nicht besser ab. Pro Tonne erzeugte Nahrung weisen die konventionellen Landwirte demnach eine besserere Energiebilanz auf.

          Äpfel aus Nordafrika

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