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Warnstreik der IG Metall : „Die Wut treibt die Leute auf die Straße“

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Hofmann: „Der höchsten Forderung der IG Metall gingen die höchsten Gewinne voraus” Bild: dpa

Die IG Metall weitet ihre Warnstreiks massiv aus. Bezirksleiter Jörg Hofmann über Streik in Zeiten stehender Bänder, acht Prozent mehr Lohn und den Zorn auf die Manager. „Die Stimmung ist auf unserer Seite“, sagt er im Interview.

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          IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann über Streik in Zeiten stehender Bänder, acht Prozent mehr Lohn und den Zorn auf die Manager.

          Herr Hofmann, wie organisiert man einen Streik, wenn die Fabriken stillstehen, weil die Aufträge fehlen?

          In der Masse der Fabriken wird eifrig gearbeitet. Zwei von drei Firmen sprechen laut der jüngsten Konjunkturumfrage von einer stabilen oder gestiegenen Produktion. Lediglich ein Drittel rechnet mit einem Rückgang. Probleme haben wir teilweise im Automobilbau.

          Ausgerechnet dort ist dummerweise Ihre Hochburg - da bekommen Sie ein Problem mit der Mobilisierung.

          Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Die IG Metall steht auf vielen Füßen, wir werden genügend Druck entwickeln.

          Wie soll das gehen, wenn die Autohersteller Zwangspausen einlegen? Bei Mercedes in Sindelfingen ruhten vorige Woche schon die Bänder und über Weihnachten noch mal vier Wochen.

          Richtig ist, dass dem Automarkt die oberen Segmente wegbrechen. Das hat vielerlei Gründe: Der Export lässt stark nach, im Inland sind die Käufer verunsichert, dann haben die Flottenbetreiber im Moment Schwierigkeiten mit der Refinanzierung. In Sindelfingen kommt noch der Modellwechsel in der E-Klasse dazu, deswegen ist das Werk besonders gebeutelt - aber rufen Sie mir deswegen nicht den Untergang des Abendlandes aus.

          Das sicher nicht, doch erleben wir mit der Finanzkrise gerade eine historische Zäsur. Es droht eine Weltwirtschaftskrise. Nur die IG Metall stört das nicht. Sie zieht ihre Beschlusslage durch und verlangt 8 Prozent mehr Lohn - die höchste Forderung seit 16 Jahren.

          Der höchsten Forderung der IG Metall gingen die höchsten Gewinne voraus. Und der konjunkturelle Abschwung der Automobilindustrie war seit längerem erkennbar, jetzt verstärkt er sich noch mal.

          Das macht es nicht besser.

          Einverstanden. Natürlich sind auch wir besorgt. Aber welches Rezept hilft, wenn niemand mehr Autos kauft? Lohnzurückhaltung sicherlich nicht, das wäre die schlechteste Antwort: Weniger Kaufkraft bedeutet weniger Neuwagenkäufe.

          Wenn das Argument sticht, warum verlangen Sie dann nicht gleich 20 Prozent mehr Lohn - als Mittel gegen die Krise?

          Wir haben unsere 8-Prozent-Forderung mit klaren Kriterien begründet: die Entwicklung von Produktivität und Inflation, 2009 dazu der Nachholbedarf in der gesamtwirtschaftlichen Verteilung von 2008. In ihrem Herbstgutachten sprechen die fünf Weisen davon, dass sich die Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2009 wieder belebt; das öffnet Spielraum für höhere Löhne.

          Jetzt berufen ausgerechnet Sie sich auf Ökonomen. Dabei kann man die doch längst nicht mehr ernst nehmen, wie Ihr Gewerkschaftsvorsitzender Berthold Huber behauptet.

          Ach, wissen Sie: Ich habe nur ganz wenige Konflikte mit meinem Vorsitzenden - dass er meine Zunft, die Ökonomen, beleidigt, ist einer davon. Aber im Ernst: 5,7 Prozent mehr Lohn ergibt sich aus den realwirtschaftlichen Prognosen, der Rest ist eine Umverteilungskomponente, die sich aus der hervorragenden Renditesituation in der Metall- und Elektroindustrie ableitet.

          Umverteilt haben Sie doch schon: Nirgendwo sind die Lohnzuwächse höher als in Ihrer Branche.

          Dann schauen Sie sich mal an, wie übermäßig die Renditen zugelegt haben: Die Gewinne in unserer Branche sind im Jahr 2007 um 11 Milliarden Euro gestiegen, die Löhne und Gehälter um 7 Milliarden - 4 Milliarden durch mehr Lohn, 3 Milliarden durch zusätzliche Beschäftigung. In der Folge ist die Lohnquote kräftig gesunken, auf knapp 17 Prozent. Die Arbeitgeber selbst sprechen von der höchsten Renditequote seit 40 Jahren, und wie wir rechnen sie damit, dass die Nettorendite weiter 4,2 Prozent beträgt.

          Als Daimler-Aufsichtsrat erleben Sie doch, wie die Gewinne schmelzen: Mercedes verdient mit Autos schon jetzt kein Geld mehr.

          Halt. Daimler hat seine Profiterwartung von 7 auf 6 Milliarden Euro reduziert - mit dem Geld können Sie dreimal die von uns geforderte Lohnerhöhung für das gesamte Tarifgebiet bezahlen. Machen Sie mir aus einem stolzen Konzern kein Armenhaus. Man kann sich fragen, ob die deutsche Autoindustrie rechtzeitig auf die neuen Herausforderungen reagiert hat. Lohnzurückhaltung hilft da sicher nicht.

          Die mäßigen Lohnerhöhungen in der Vergangenheit haben dazu beigetragen, dass die Arbeitslosigkeit unter 3 Millionen gesunken ist - wollen Sie diesen Erfolg jetzt wieder zunichtemachen?

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