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Reichster Kreis Deutschlands : Machtkampf im Wahlkreis „181“

Martin Heipertz, Angreifer und Außenseiter

Willkommenskultur für Parteifreunde kann man diese Haltung der konservativen Altgenossen nicht gerade nennen. Jedenfalls nicht aus der Sicht von Martin Heipertz, des Newcomers ohne Stallgeruch. Dem Establishment wirft er eine „Beschädigung des demokratischen Wettbewerbs“ vor, und befürchtet eine „Verbonzung“. Mit allen Tricks und Raffinessen suchen sie seine Chancen zu ersticken.

Ursprünglich hätte die Nominierung erst Anfang des kommenden Jahres stattfinden sollen, das hätte Heipertz ermöglicht, sich allen Delegierten persönlich vorzustellen. Aus für ihn unerfindlichen Gründen habe sich das Verfahren beschleunigt; der Termin wurde auf kommenden Mittwoch vorverlegt. Die CDU-Leute vor Ort bestreiten das natürlich komplett; alles verlaufe nach Plan.

Heipertz beeindruckender Lebenslauf

Heipertz, so viel von seiner Biographie muss man nachtragen, ist ein komplett anderer Typus als Platzhirsch Altenkamp. Aufgewachsen in Kelkheim, 1,0-Abitur, Offizier der Reserve, studiert der junge Mann Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften in Oxford, Brügge und Paris und promoviert am SPD-nahen Max Planck Institut für Gesellschafswissenschaften in Köln. Anschließend geht er zur EZB, arbeitet eine Zeitlang als Aufbauhelfer im Kosovo, wechselt zur Europäischen Investitionsbank in Luxemburg, wird stellvertretender Büroleiter von Wolfgang Schäuble und ist heute Leiter „Grundsatzfragen europäische Politik“ im Finanzministerium.

Die Jahre der Euro- und Flüchtlingskrise haben Heipertz geprägt, wohl auch verändert: Als Wolfgang Schäuble – ob als Drohung oder als ernsten Vorschlag – im vergangenen Sommer den Griechen mit dem Grexit drohen wollte, hat Heipertz nüchtern die Szenarien durchgerechnet. Jetzt sagt er: „Für eine fünfte Neuauflage des Griechenland-Programms werde ich als Bundestagsabgeordneter nicht stimmen.“ Auch in der Flüchtlingspolitik ist er weit entfernt von der offiziellen Kanzlerin-Linie der CDU: Es seien Fehler gemacht worden, vor allem, dass es keine Kontrolle über die Grenzen von EU und Bundesrepublik Deutschland gebe. „Rhetorisches Heldentum“ nennt das Bürgermeister Altenkamp, der Turnhallen für Flüchtlinge räumen musste.

Um seine Nachfolge geht es: Der scheidende Bundestagsabgeordnete Heinz Riesenhuber

Heipertz ist Angreifer, Außenseiter und Häretiker. Seine Position ist in der CDU Minderheit, ähnelt jener von Wolfgang Bosbach, der das Parlament im nächsten Jahr verlässt. Heipertz findet, man dürfe der AfD das Feld nicht überlassen. Jens Spahn, der junge Staatssekretär bei Schäuble, und Friedrich Merz, prominentes Merkel-Opfer in der CDU, nennt er als seine politischen Freunde. Öffentliche Unterstützung für Heipertz verweigern indessen beide, trotz mehrfachen Nachhakens.

Da hat es Altenkamp leichter: Nicht nur Riesenhuber, auch Alt-Ministerpräsident Roland Koch setzt sich für ihn ein: „Ich finde ihn klasse und rechne mit einer deutlichen Mehrheit für Altenkamp.“ Das Main-Taunus-Establishment, pragmatisch und mit Merkel zufrieden, nimmt dem Newcomer die Positionierung nicht ab, hält sie für Maskerade und Heipertz selbst für einen Luftikus mit Fähigkeiten zum Hochstapler. Genüsslich haben sie ein Papier ausgegraben, in dem Heipertz vor Jahren über die „Vereinskrauter in der politischen Führung des Landes“ hergezogen ist. Immer die gleiche Masche, soll das heißen.

Kampfabstimmungen sind unberechenbar

Wahlkreis „181“ hat viele Lehren über die Demokratie parat. Zum Beispiel, dass der Machtkampf nirgends so brutal ausgetragen wird wie mit den eigenen Parteifreunden. Oder dass die Jüngeren heute wirtschaftspolitisch eher national-konservativ sind, die Etablierten dagegen unideologisch-pragmatisch. „Ich kann nichts anfangen mit rechtskonservativen Untergangspropheten“, sagt Altenkamp.

Geht es nach den Gesetzen der Macht, gewinnt der Mann des Establishments am Mittwoch haushoch. Doch Kampfabstimmungen sind stets unberechenbar. Heinz Riesenhuber weiß, wovon die Rede ist: Auch seine Nominierung hat einst so begonnen.

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