https://www.faz.net/-gqe-8wxpc

Torsten Albig : Der Gerechte aus Kiel

Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) ganz m Norden: auf Helgoland Bild: dpa

Vor der Wahl in Schleswig-Holstein macht Regierungschef Torsten Albig ganz auf Gerechtigkeit. Der robuste Finanzpolitiker von einst ist kaum wiederzuerkennen.

          6 Min.

          Manchmal kann Torsten Albig immer noch recht ruppig werden. Dabei hatte der 17-jährige Schüler des örtlichen Gymnasiums nur ganz harmlos fragen wollen, und dann noch zu einem recht geläufigen Thema. Warum denn die SPD nach der letzten Bundestagswahl die Sozialkassen für die Rente mit 63 „geplündert“ habe, will er wissen, statt das Geld für seine eigene Generation aufzusparen? Und wieso, wenn schon, nicht auch die harte Arbeit in der Schule auf die nötigen 45 Beitragsjahre angerechnet werde?

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Ministerpräsident zögert bei diesem Wahlkampfauftritt in Itzehoe nicht lange, mit jedem Nachsatz des Fragestellers erwacht bei ihm die polemische Lust umso mehr. „Jetzt kommen wir langsam in tiefes Wasser, junger Mann“, hebt er an und stellt der „ziemlich arroganten Haltung eines jungen Menschen“ den berühmten Dachdecker entgegen, der schon mit 16 Jahren schuftete und irgendwann nicht mehr kann. „Streng dich selbst an und nimm das Geld nicht denjenigen weg, die auf den Dächern gearbeitet haben“, schiebt er noch hinterher.

          Das sitzt. Stilistisch betrachtet, ist das genau der Torsten Albig, den man in Berlin einst kannte. Der als kongenialer Sprecher des nicht minder rauhbeinigen Bundesfinanzministers Peer Steinbrück 2008 zum Cheferklärer der Bankenkrise wurde und durchaus auch volljährige Journalisten bei vermeintlich dummen Fragen in demselben Tonfall abfertigen konnte wie den Schüler in Itzehoe. Der sich 2009 zum Oberbürgermeister von Kiel wählen ließ und 2012 zum Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein. Der sich seither vorzugsweise als sanfter Landesvater in Szene setzt, während Steinbrück mit seinem allzu ruppig-selbstbewussten Ton 2013 den SPD-Bundestagswahlkampf vergeigte. Albig, das muss man ihm zugutehalten, hatte seinen Ex-Chef öffentlich vor der Kandidatur gewarnt.

          Nur ein großes Thema im Wahlkampf

          In drei Wochen stellt sich Albig das erste Mal zur Wiederwahl, und in seinem Wahlkampf gibt es nur ein großes Thema. „Zeit für Gerechtigkeit“, dieser Slogan prangt auf seinen Plakaten, deren Design so auffallend betulich daherkommt, als könne allzu viel Modernität die Wähler mit all ihren Zukunftsängsten gleich wieder verschrecken. Der Zusatz „Wir machen das“ soll den Amtsbonus des Ministerpräsidenten ins Spiel bringen, eine Variation auf das „Sie kennen mich“ der Kanzlerin vor der zurückliegenden Bundestagswahl.

          Als eine Art Martin Schulz von der Küste will Albig am 7. Mai gewinnen. Das ist nicht ohne Ironie, weil er kurz vor Beginn der Flüchtlingskrise vor anderthalb Jahren im Fernsehen noch die Meinung äußerte, einen Kandidaten mit ernsthaften Ambitionen aufs Kanzleramt brauche die SPD gegen Angela Merkel gar nicht erst ins Rennen zu schicken. Spätestens seit Schulz vor zweieinhalb Monaten die Erlösungsphantasien der Sozialdemokraten beflügelte, taugt das Zitat allenfalls noch fürs Geschichtsbuch. „Ich bin froh, dass das Thema Gerechtigkeit auch ein Gesicht bekommen hat“, sagt Albig heute schmallippig dazu.

          Inhaltlich betrachtet könnte der Wandel größer gar nicht sein. Albig war früher mal der Mann, der als Pressesprecher schon die rigide Sparpolitik des rot-grünen Ministers Hans Eichel verkaufte („Spar-Hans“) und dann in gleicher Funktion, aber einem Vielfachen an Gehalt zu den Kapitalisten von der Dresdner Bank wechselte. Nachdem er zu Steinbrück ins Finanzministerium zurückgekehrt war, hätte gleichfalls keiner den Verdacht geäußert, einer der beiden könnte in der SPD auf dem linken Flügel stehen. Um es vorsichtig zu formulieren.

          Erfolg hat für die Schulz-Kampagne eine besondere Bedeutung

          Dann wurde er Rathauschef in Kiel und gewann den Basisentscheid der Genossen für die Spitzenkandidatur 2012 – gegen Ralf Stegner, den machtbewussten und hoch intelligenten, aber äußerst unbeliebten Landesvorsitzenden der Partei. Alle erwarteten einen Kurswechsel, aber so kam es nicht: Schon tags darauf arrangierte er sich mit Stegner, seither lassen die beiden nichts mehr aufeinander kommen – außer vielleicht, dass Albig auf seine neue, sanfte Art in Kiel manchmal sogar linker daherredet als der polternde Stegner in den Berliner Talkshows.

          Der Erfolg von Albig hat für die Schulz-Kampagne eine besondere Bedeutung. Er ist der erste SPD-Ministerpräsident, der sich seit dem Antritt des Kanzlerkandidaten einer Wahl stellen muss. Die Schlappe im Saarland konnten die Sozialdemokraten noch auf die Popularität der örtlichen CDU-Regierungschefin schieben. Könnte Albig nicht mal seinen Amtsbonus für den Machterhalt nutzen, hätte die SPD ein ernstes Problem für die nordrhein-westfälische Wahl eine Woche später und für die Bundestagswahl im September. Die Umfragen sind, wie stets im Norden, relativ knapp, und der Schulz-Bonus ist bislang etwas schwächer ausgeprägt als andernorts. Mit 48 Prozent kam die Koalition aus SPD, Grünen und der Dänenpartei SSW in der jüngsten Erhebung vor gut einer Woche nur auf eine schmale Landtagsmehrheit.

          Schleswig-Holstein war auch das Land, in das der Kandidat Martin Schulz Anfang Februar seine erste Wahlkampfreise unternahm. Gemeinsam mit Albig besuchte er das von der Schließung bedrohte Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn in Neumünster – und traf dort jenen besorgten Beschäftigten mit umfassendem Kündigungsschutz, auf dessen Ängste vor Hartz IV er anschließend seinen Ruf nach einer Revision der Agenda 2010 gründete.

          Albig präsentiert sich nun als der einfache Mann aus dem Volk

          Albig hat aus alldem gelernt. Auch er, der seit seinem Jurastudium fast ununterbrochen im Politikbetrieb ist, präsentiert sich nun als der einfache Mann aus dem Volk. Schon sein Werbefilm stellt ihn gleich zu Beginn als den Ersten in seiner Familie vor, „der sich seinen Lebensweg selbst aussuchen konnte“, was angesichts der Bildungsexpansion jener Jahre freilich viele Politiker seiner Generation von sich behaupten könnten. Bei seinen Wahlkampfauftritten, die mangels Masse in dem kleinen Bundesland aus intimen Runden mit Fragen und Antworten bestehen, schickt er ausführlich Erläuterungen hinterher – dass sein Vater Soldat war, dass seine Mutter als Kassiererin, Kellnerin, Hausfrau arbeitete.

          Ebenso ungefragt entschuldigt er sich für die Selbstverständlichkeit, dass ein Ministerpräsident zu den Terminen in zwei Dienstwagen und mit Personenschutz vorfährt. Solange er Regierungschef sei, müsse die Polizei eben ein bisschen auf ihn „aufpassen“, und mit zwei Bodyguards samt Fahrer und Assistentin werde es in einem einzigen Auto nun mal etwas eng. Dass er den Söhnen seiner Lebenspartnerin bei den Hausaufgaben hilft, die Gartenarbeit macht und schon mal selbst im Baumarkt die Schrauben für ein Regal besorgt, das ist ihm nicht minder wichtig zu betonen. Beim öffentlichen Shoppen auf dem Wochenmarkt in Bad Schwartau verschmäht er anderntags den bereits fertig geschälten Spargel, damit ihn die Verkäuferin nicht für einen faulen Hausmann hält. Worauf Politiker heutzutage eben so achten müssen.

          Vielleicht ist Albig ohnehin das beste Beispiel dafür, was sich bei der SPD zuletzt alles verändert hat – schon in den Jahren des Vorsitzenden Sigmar Gabriel, aber verstärkt seit der Nominierung von Martin Schulz zu Jahresbeginn. Das Zauberwort der „Gerechtigkeit“ legt sich über alles, auch Albig denkt, dass es mit der guten Konjunktur zu tun hat: Die Leute glauben, dass es jetzt etwas zu verteilen gibt. Der Schulz-Slogan „Zeit für Gerechtigkeit“ spielt darauf an.

          Abschiebestopp der Flüchtlinge sei ihm ein persönliches Anliegen

          So sehr haben sich die Zeiten geändert, dass der Ministerpräsident sogar über seinen ersten Chef in der Politik wieder gerne und bereitwillig spricht. Ausgerechnet der SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine war es, der den erst 33 Jahre alten Wirtschaftsjuristen anno 1996 aus der schleswig-holsteinischen Landesvertretung in die Parteizentrale holte, um für den erfolgreichen Bundestagswahlkampf 1998 ein Steuerprogramm zu schreiben. Nach gewonnener Wahl holte er ihn ins Finanzministerium, wo Albig unter dem Nachfolger Eichel erst einmal blieb und wohin er unter Steinbrück zurückkehrte. Heute redet er milde über Lafontaine. Trotz des unschönen Endes lobt er ihn als überaus fähigen Politiker, der die SPD 1998 nach 16 Jahren Pause an die Schalthebel der Macht zurückbrachte – mit der Hilfe des jungen Mitarbeiters Albig, versteht sich.

          Auf der Bundesbühne schärfte der Ministerpräsident sein linkes Profil vor allem mit einem Thema, das zuletzt maximale Aufmerksamkeit versprach: Als einziges Bundesland widersetzte sich Schleswig-Holstein ganz offen dem Willen der Bundesregierung, abgelehnte Asylbewerber aus Afghanistan zwangsweise in ihr angeblich sicheres Herkunftsland zurückzubringen.

          Albig sagt, das sei ihm ein persönliches Anliegen, aber er glaubt auch, dass es ihm im Wahlkampf nutzt. 6o Prozent der Wähler in Schleswig-Holstein begrüßen laut Umfragen den Abschiebestopp. Vor allem aus der im Norden sehr einflussreichen evangelischen Kirche schlägt ihm dafür viel Sympathie entgegen. Zuletzt fuhr die rheinland-pfälzische Kollegin Malu Dreyer mit einem betont flüchtlingsfreundlichen Wahlkampf einen für viele überraschenden Wahlsieg ein. Wegnehmen muss Albig dafür niemandem etwas, schließlich profitiert auch das notorisch wirtschaftsschwache Agrarland vom allgemeinen Wirtschaftsaufschwung. Der Landeshaushalt ist inzwischen wie fast überall deutlich im Plus.

          Warum man in der Schulpolitik alles beim Alten lassen sollte

          Ohnehin sind die Flüchtlinge am besten geeignet, den Imagewandel vom robusten Finanzpolitiker zum mitfühlenden Landesvater abzurunden. Sieht man vielleicht von Bildungsfragen ab. Ganz rührend erzählt er, wie angesichts vieler Umzüge die Schulkarriere seines Sohnes beinahe am Bildungsföderalismus und den ständigen Systemwechseln gescheitert sei; erst eine Waldorfschule brachte die Rettung. Damit begründet Albig, warum man in der Schulpolitik alles beim Alten lassen und sämtliche Kompetenzen am besten dem Bund übertragen sollte. Für diesen Verzicht auf die letzte Zuständigkeit, die ein Ministerpräsident noch in eigener Machtvollkommenheit ausüben kann, bekommt der Amtsinhaber an diesem Abend in Itzehoe beinahe den stärksten Applaus.

          Ganz sanft nimmt er, rhetorisch gesprochen, am Ende auch den Schüler wieder in den Arm. Er sei nun mal „ein Ministerpräsident, der manchmal aufbraust, es aber gar nicht so meint“, sagt er. Dass sich Albig für einen kessen Spruch am Ende auch noch entschuldigt, dass hätte es in seiner gemeinsamen Zeit mit Peer Steinbrück nun wirklich niemals gegeben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.
          Das Unterhaus voller Schimpansen: Ein Unbekannter erstand das Gemälde für 9,44 Millionen Euro

          Banksy und der Kunstmarkt : Inkognito in aller Munde

          Anfang Oktober wurde ein Gemälde Banksys für eine Rekordsumme versteigert. Doch wie verdient der anonyme Streetart-Künstler sein Geld? Und wie kommt seine Kunst auf den Markt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.