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Torsten Albig : Der Gerechte aus Kiel

Vielleicht ist Albig ohnehin das beste Beispiel dafür, was sich bei der SPD zuletzt alles verändert hat – schon in den Jahren des Vorsitzenden Sigmar Gabriel, aber verstärkt seit der Nominierung von Martin Schulz zu Jahresbeginn. Das Zauberwort der „Gerechtigkeit“ legt sich über alles, auch Albig denkt, dass es mit der guten Konjunktur zu tun hat: Die Leute glauben, dass es jetzt etwas zu verteilen gibt. Der Schulz-Slogan „Zeit für Gerechtigkeit“ spielt darauf an.

Abschiebestopp der Flüchtlinge sei ihm ein persönliches Anliegen

So sehr haben sich die Zeiten geändert, dass der Ministerpräsident sogar über seinen ersten Chef in der Politik wieder gerne und bereitwillig spricht. Ausgerechnet der SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine war es, der den erst 33 Jahre alten Wirtschaftsjuristen anno 1996 aus der schleswig-holsteinischen Landesvertretung in die Parteizentrale holte, um für den erfolgreichen Bundestagswahlkampf 1998 ein Steuerprogramm zu schreiben. Nach gewonnener Wahl holte er ihn ins Finanzministerium, wo Albig unter dem Nachfolger Eichel erst einmal blieb und wohin er unter Steinbrück zurückkehrte. Heute redet er milde über Lafontaine. Trotz des unschönen Endes lobt er ihn als überaus fähigen Politiker, der die SPD 1998 nach 16 Jahren Pause an die Schalthebel der Macht zurückbrachte – mit der Hilfe des jungen Mitarbeiters Albig, versteht sich.

Auf der Bundesbühne schärfte der Ministerpräsident sein linkes Profil vor allem mit einem Thema, das zuletzt maximale Aufmerksamkeit versprach: Als einziges Bundesland widersetzte sich Schleswig-Holstein ganz offen dem Willen der Bundesregierung, abgelehnte Asylbewerber aus Afghanistan zwangsweise in ihr angeblich sicheres Herkunftsland zurückzubringen.

Albig sagt, das sei ihm ein persönliches Anliegen, aber er glaubt auch, dass es ihm im Wahlkampf nutzt. 6o Prozent der Wähler in Schleswig-Holstein begrüßen laut Umfragen den Abschiebestopp. Vor allem aus der im Norden sehr einflussreichen evangelischen Kirche schlägt ihm dafür viel Sympathie entgegen. Zuletzt fuhr die rheinland-pfälzische Kollegin Malu Dreyer mit einem betont flüchtlingsfreundlichen Wahlkampf einen für viele überraschenden Wahlsieg ein. Wegnehmen muss Albig dafür niemandem etwas, schließlich profitiert auch das notorisch wirtschaftsschwache Agrarland vom allgemeinen Wirtschaftsaufschwung. Der Landeshaushalt ist inzwischen wie fast überall deutlich im Plus.

Warum man in der Schulpolitik alles beim Alten lassen sollte

Ohnehin sind die Flüchtlinge am besten geeignet, den Imagewandel vom robusten Finanzpolitiker zum mitfühlenden Landesvater abzurunden. Sieht man vielleicht von Bildungsfragen ab. Ganz rührend erzählt er, wie angesichts vieler Umzüge die Schulkarriere seines Sohnes beinahe am Bildungsföderalismus und den ständigen Systemwechseln gescheitert sei; erst eine Waldorfschule brachte die Rettung. Damit begründet Albig, warum man in der Schulpolitik alles beim Alten lassen und sämtliche Kompetenzen am besten dem Bund übertragen sollte. Für diesen Verzicht auf die letzte Zuständigkeit, die ein Ministerpräsident noch in eigener Machtvollkommenheit ausüben kann, bekommt der Amtsinhaber an diesem Abend in Itzehoe beinahe den stärksten Applaus.

Ganz sanft nimmt er, rhetorisch gesprochen, am Ende auch den Schüler wieder in den Arm. Er sei nun mal „ein Ministerpräsident, der manchmal aufbraust, es aber gar nicht so meint“, sagt er. Dass sich Albig für einen kessen Spruch am Ende auch noch entschuldigt, dass hätte es in seiner gemeinsamen Zeit mit Peer Steinbrück nun wirklich niemals gegeben.

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