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Torsten Albig : Der Gerechte aus Kiel

Erfolg hat für die Schulz-Kampagne eine besondere Bedeutung

Dann wurde er Rathauschef in Kiel und gewann den Basisentscheid der Genossen für die Spitzenkandidatur 2012 – gegen Ralf Stegner, den machtbewussten und hoch intelligenten, aber äußerst unbeliebten Landesvorsitzenden der Partei. Alle erwarteten einen Kurswechsel, aber so kam es nicht: Schon tags darauf arrangierte er sich mit Stegner, seither lassen die beiden nichts mehr aufeinander kommen – außer vielleicht, dass Albig auf seine neue, sanfte Art in Kiel manchmal sogar linker daherredet als der polternde Stegner in den Berliner Talkshows.

Der Erfolg von Albig hat für die Schulz-Kampagne eine besondere Bedeutung. Er ist der erste SPD-Ministerpräsident, der sich seit dem Antritt des Kanzlerkandidaten einer Wahl stellen muss. Die Schlappe im Saarland konnten die Sozialdemokraten noch auf die Popularität der örtlichen CDU-Regierungschefin schieben. Könnte Albig nicht mal seinen Amtsbonus für den Machterhalt nutzen, hätte die SPD ein ernstes Problem für die nordrhein-westfälische Wahl eine Woche später und für die Bundestagswahl im September. Die Umfragen sind, wie stets im Norden, relativ knapp, und der Schulz-Bonus ist bislang etwas schwächer ausgeprägt als andernorts. Mit 48 Prozent kam die Koalition aus SPD, Grünen und der Dänenpartei SSW in der jüngsten Erhebung vor gut einer Woche nur auf eine schmale Landtagsmehrheit.

Schleswig-Holstein war auch das Land, in das der Kandidat Martin Schulz Anfang Februar seine erste Wahlkampfreise unternahm. Gemeinsam mit Albig besuchte er das von der Schließung bedrohte Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn in Neumünster – und traf dort jenen besorgten Beschäftigten mit umfassendem Kündigungsschutz, auf dessen Ängste vor Hartz IV er anschließend seinen Ruf nach einer Revision der Agenda 2010 gründete.

Albig präsentiert sich nun als der einfache Mann aus dem Volk

Albig hat aus alldem gelernt. Auch er, der seit seinem Jurastudium fast ununterbrochen im Politikbetrieb ist, präsentiert sich nun als der einfache Mann aus dem Volk. Schon sein Werbefilm stellt ihn gleich zu Beginn als den Ersten in seiner Familie vor, „der sich seinen Lebensweg selbst aussuchen konnte“, was angesichts der Bildungsexpansion jener Jahre freilich viele Politiker seiner Generation von sich behaupten könnten. Bei seinen Wahlkampfauftritten, die mangels Masse in dem kleinen Bundesland aus intimen Runden mit Fragen und Antworten bestehen, schickt er ausführlich Erläuterungen hinterher – dass sein Vater Soldat war, dass seine Mutter als Kassiererin, Kellnerin, Hausfrau arbeitete.

Ebenso ungefragt entschuldigt er sich für die Selbstverständlichkeit, dass ein Ministerpräsident zu den Terminen in zwei Dienstwagen und mit Personenschutz vorfährt. Solange er Regierungschef sei, müsse die Polizei eben ein bisschen auf ihn „aufpassen“, und mit zwei Bodyguards samt Fahrer und Assistentin werde es in einem einzigen Auto nun mal etwas eng. Dass er den Söhnen seiner Lebenspartnerin bei den Hausaufgaben hilft, die Gartenarbeit macht und schon mal selbst im Baumarkt die Schrauben für ein Regal besorgt, das ist ihm nicht minder wichtig zu betonen. Beim öffentlichen Shoppen auf dem Wochenmarkt in Bad Schwartau verschmäht er anderntags den bereits fertig geschälten Spargel, damit ihn die Verkäuferin nicht für einen faulen Hausmann hält. Worauf Politiker heutzutage eben so achten müssen.

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