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Wahlergebnisse : AfD jagt Linkspartei so viele Wähler ab wie der CDU

  • -Aktualisiert am

Strahlemänner: AfD-Führung am Tag nach dem Triumph Bild: Lüdecke, Matthias

Woher kommen die Wähler der AfD? Die Newcomer-Partei steht im Ruf, ein Hort alter Männer zu sein. Doch bei den Landtagswahlen schaffte sie in allen Altersgruppen unter 60 Jahren ein zweistelliges Ergebnis – nur ausgerechnet bei den Senioren nicht.

          Wären Wahlergebnisse Aktienkurse, würde das Börsenbarometer der eurokritischen Partei Alternative für Deutschland (AfD) stetig nach oben zeigen: Scheiterte sie bei der Bundestagswahl vor einem Jahr noch knapp mit 4,7 Prozent der Stimmen an der 5-Prozent-Hürde, kam sie bei der Europawahl im Mai schon auf 7,1 Prozent und bei der Landtagswahl in Sachsen vor zwei Wochen auf 9,7 Prozent. Seit letztem Sonntag ist die AfD zweistellig: 10,6 Prozent der Stimmen holte sie in Thüringen und sogar 12,2 Prozent in Brandenburg.

          Wobei die Newcomer-Partei zumindest in einem Punkt das Vorurteil widerlegte, sie sei ein Hort alter Männer: In den drei Bundesländern schaffte sie nach Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen in allen Altersgruppen unter 60 Jahren ein zweistelliges Ergebnis – nur ausgerechnet bei den Senioren nicht. Geschlechtsneutral fiel der Urnengang hingegen nicht aus: So gaben der AfD in Brandenburg 15 Prozent der Männer, aber nur 10 Prozent der Frauen ihre Stimme. Eine weitere Domäne sind die Arbeitslosen, die beispielsweise in Brandenburg zu 15 Prozent für die Alternativler stimmten. Von Selbständigen bekamen sie 13 Prozent; umgekehrt verlor die FDP bei denen 11 Prozentpunkte.

          Matthias Jung von der Forschungsgruppe weist auf einen weiteren Umstand hin, der manchen verblüffen mag. In Sachsen und Thüringen seien die Wähler zu gleichen Teilen von der Union und der Linkspartei gekommen, und in Brandenburg sogar noch stärker von der Linken, sagte der Volkswirt dieser Zeitung. „Das ist sicher ein ostspezifisches Phänomen“, meint Jung – wobei der „relative Schaden“ für die CDU wegen ihres höheren Stimmenanteils eigentlich kleiner sei als für die Linken. Das Ausmaß des AfD-Erfolgs erklärt sich der Mannheimer Demoskop vor allem damit, dass deren Anhänger hochmotiviert ins Wahllokal marschiert seien, wogegen die Wahlbeteiligung insgesamt extrem niedrig ausgefallen sei.

          „Die Mitgliedschaft ist extrem heterogen“

          Weitere Fakten: 73 Prozent ihrer Wähler votierten in Thüringen nach eigenen Angaben für die Euroskeptiker „wegen der politischen Inhalte“, nur 26 Prozent verstanden ihr Kreuzchen als „Denkzettel“. Dennoch habe die Partei in hohem Maße vom Protestpotential profitiert, sagt Jung. Für ihre „populistische Orientierung“ habe sogar der Kampf gegen Fluglärm herhalten müssen. Nach der Europawahl stellten die Mannheimer Forscher bei den AfD-Wählern nicht nur erheblichen Unmut über den Euro (57 Prozent) und die EU-Mitgliedschaft (47 Prozent) fest – weit überdurchschnittlich viele sähen auch ein großes Problem bei den Themen Ausländer und Zuwanderung. Der Duisburger Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte führt den Erfolg zudem auf Themen wie die innere Sicherheit zurück, die die anderen Parteien weitgehend ausgeklammert hätten. Von einem „Unmutsaufsauger“ sprach Korte deshalb am Wahlabend in mehreren Interviews: „Eine Defizitpartei ist geboren.“

          Den harten Kern der Wähler sieht Meinungsforscher Jung bei gut 4 Prozent – hier finden sich besonders viele ehemalige Wähler von FDP und CDU. Eine Reihe von ihnen habe eine „konservative bis reaktionäre Grundhaltung“; insofern decke sie sich mit dem Führungszirkel der AfD und deren „professoralem Touch“. Dies sei doppelt so viel wie bei der Piratenpartei, deren Höhenflug denn auch schon wieder vorbei ist.

          Parteienforscher: Völlig offen, welcher Flügel sich durchsetzen wird

          Wie stabil der Zuspruch für die Eurokritiker ist, wagen die Parteienforscher nicht vorherzusagen. Denn Hochschullehrer Korte hält es für völlig offen, welcher Flügel sich in der AfD durchsetzen wird – der neoliberale, der nationalkonservative oder der rechtspopulistische, wie er sie nennt. Umfrageexperte Jung erinnert überdies an Querelen und Ausrutscher an der Basis und auf den mittleren Ebenen. „Die Mitgliedschaft ist so extrem heterogen, dass man nicht einmal ausschließen kann, dass die Partei irgendwann ins Rechtsradikale abdriftet.“ Nach der Sachsenwahl hatte die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung angemerkt, die AfD sei in jenen Wahlkreisen besonders stark gewesen, in denen auch die NPD ihre Hochburgen habe.

          Wer wissen will, wie es mit der neuen politischen Kraft weitergeht, muss sich noch ziemlich lange gedulden. Im kommenden Jahr wird nur in den beiden Stadtstaaten Hamburg und Bremen gewählt; westliche Flächenländer wie Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind erst 2016 an der Reihe. Bundesweit haben die Mannheimer Demoskopen zuletzt 6 Prozent Zustimmung gemessen. „Im Moment wären es wahrscheinlich sogar mehr, wenn wir die Sonntagsfrage stellen würden, weil nach einem Wahlsieg die Zahlen immer hochgehen“, schätzt Jung: „Aber dieser Effekt hält immer nur ein bis zwei Wochen an.“

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