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Geldpolitik : Ist Amerikas Wirtschaft fit für die Zinswende?

Steht vor einer kniffligen Entscheidung: Fed-Chefin Janet Yellen Bild: Reuters

Alle achten auf die Sitzung der Notenbank am Abend. Der Arbeitsmarkt zeigt sich robuster. Doch es bleiben Schwachpunkte. Aus dem Gröbsten heraus ist man noch nicht.

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          Die amerikanische Notenbank Federal Reserve wird am Abend aller Voraussicht nach die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte anheben und damit eine sieben Jahre währende Phase, in der die Leitzinsen zwischen 0 und 0,25 Prozent gehalten wurden, beenden. Die Entscheidung ist umstritten, weil die amerikanische Volkswirtschaft hinter einer glänzenden Fassade immer noch kraftlos wirkt.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Positiv sehen die Zahlen vom amerikanischen Arbeitsmarkt aus. Er nähert sich mit einer Arbeitslosenquote von 5 Prozent der Marke, die die Notenbank als Vollbeschäftigung wertet. Das ist ein beeindruckender Fortschritt gegenüber dem Spitzenwert vom Oktober 2009, als die Regierung 10 Prozent Arbeitslose melden musste. Monat für Monat hat die amerikanische Volkswirtschaft seitdem im Schnitt 230.000 neue Arbeitsplätze vermeldet. Rund 12 Millionen zusätzliche Stellen verbuchen die Behörden sei Oktober 2009.

          Im historischen Vergleich aber ist diese Entwicklung weniger beeindruckend. Denn gewöhnlich sind Post-Rezessionsphasen in den Vereinigten Staaten Jahre des kraftvollen Beschäftigungswachstums. Viermal ist das Land seit 1973 besser aus Rezessionen herausgekommen als jetzt. In den neunziger Jahren produzierte der amerikanische Arbeitsmarkt 49 Monate einen Beschäftigungsgewinn von mindestens 250.000 neuen Stellen. Dazu sollte man wissen: Um seine Arbeitslosenquote stabil zu halten, muss das Land Monat für Monat allein rund 110.000 neue Stellen schaffen, weil mehr Leute auf den Arbeitsmarkt kommen als ausscheiden.

          Noch nicht aus dem Gröbsten heraus

          Dass der Arbeitsmarkt noch marode ist, zeigt sich auch an der Beschäftigungsquote. Das ist der Anteil der Beschäftigten und Arbeitslosen an der Gesamtbevölkerung. Sie liegt derzeit bei 62,5 Prozent (Deutschland 65,4 Prozent) und ist damit weit entfernt vom Vorkrisenniveau von 66 Prozent. Einige Ökonomen haben dazu folgende Berechnung angestellt: Wäre Amerika auf dem Beschäftigungsniveau des letzten Vorkrisenmonats, dann läge die Arbeitslosenquote des Landes bei rund 10 Prozent. Dahinter steckt die Hypothese, dass die schwierigen ökonomischen Verhältnisse viele Amerikaner von der Arbeitsplatzsuche abhalten. Diese Entmutigten zählten nicht als arbeitslos, obwohl sie es de facto seien.

          Die Hypothese stimmt nicht in dieser Eindeutigkeit, und trotzdem ist etwas dran. Die sinkende Beschäftigungsquote ist zunächst auf zwei große Trends zurückzuführen. Die Amerikaner drängen später auf den Arbeitsmarkt als früher, weil sie länger studieren oder weil sie überhaupt studieren statt sich mit einem High-School-Abschluss zu begnügen. Der zweite Faktor sind die Babyboomer: Die bevölkerungsstarken Jahrgänge schicken sich an, in den Ruhestand zu gehen. Was an der These der Unterbeschäftigung trotzdem richtig ist, zeigt ein anderes Zahlenwerk: Seit 2009 sinkt die Beschäftigungsquote der Männer und Frauen im besten Arbeitsalter von 25 bis 54 Jahre. Vor sechs Jahren lag sie bei 83,5, jetzt erreicht sie 81 Prozent.

          Eine weitere Kennziffer zeigt, dass Amerika noch nicht aus dem Gröbsten heraus ist: Zählt man zu den Arbeitslosen jene hinzu, die entmutigt die Arbeitssuche aufgegeben oder vorübergehend eingestellt haben, und jene, die zu Teilzeitstellen verdammt sind, obwohl sie zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts Vollzeitstellen haben wollen, dann klettert die Arbeitslosenquote auf bestürzende 9,9 Prozent.

          Komplizierte Angelegenheit für die Fed

          Diese Unterbeschäftigung ist ein Teil der Erklärung für die über lange Phasen enttäuschende Lohnentwicklung. In diesem Jahr sind die Löhne um 2,1 Prozent gestiegen (Wochenlohnvergleich Oktober 2015 mit Oktober 2014) und damit deutlich stärker als zuvor. Der durchschnittliche reale Stundenlohn lag für die Amerikaner im Oktober 2015 bei 10,59 Dollar. Die Zahlen hinter dem Komma sind wichtig. Denn 2009 lag der durchschnittliche reale Stundenlohn bei 10,31 Dollar. Fünf Jahre lang stagnierte die Lohnentwicklung bis Oktober 2014. Erst seitdem kommt das Beschäftigungswachstum auch in der Lohntüte an.

          Neben dem Faktor der hohen Zahl unterbeschäftigter Arbeitskräfte drückt noch etwas Zweites auf das Lohnniveau. Die großen Beschäftigungsgewinne geschahen in der Gastronomie, im Einzelhandel und im Gesundheitswesen. Viele dieser neuen Arbeitsplätze sind schlecht bezahlt und weisen zudem niedrige Steigerungsraten auf.

          Für die Fed, die in den Vereinigten Staaten mit der Aufgabe betraut ist, für Preisstabilität und Vollbeschäftigung zu sorgen, ist die Angelegenheit kompliziert. Der britische Forscher Alban William Phillips entdeckte in den fünfziger Jahren den Zusammenhang zwischen Löhnen und Arbeitslosigkeit, den er in der Phillips-Kurve beschrieben hat: Eine niedrige Arbeitslosigkeit bringt hohe Löhne. Sie dient den Geldpolitikern als Modell, obwohl sich der Zusammenhang offenbar gelockert hat. Die letzte Lohnsteigerung dürfte die Fed-Chefin Janet Yellen bestärken, die Zinswende zu wagen. In einem ganz kleinen Schritt allerdings: Amerika wuchs von 1950 bis 2000 mit einer jährlichen Wachstumsrate von 3,5 Prozent. Seitdem hat sich die Rate auf 1,7 Prozent halbiert. Amerika ist noch nicht wieder das kraftstrotzende Land, das es einst war.

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