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Währungsreform vor 60 Jahren : Was hatte die Mark, was der Euro nicht hat?

  • -Aktualisiert am

DM-Banknoten - von 1948 bis 2001 Bild:

Als vor 60 Jahren die D-Mark kam, waren mit einem Schlag die Läden wieder voll. Die Währungsreform wirkte Wunder. Selbst die Kühe gaben über Nacht mehr Milch. Kein Zufall, dass es der Euro bis heute schwer hat.

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          Als die Deutsche Mark nach mehr als 50 Jahren auf dem Altar der europäischen Einheit geopfert wurde, folgte ihr ein Ruf wie Donnerhall. Noch heute, sechs Jahre nach ihrem endgültigen Abgang, trauern die Deutschen ihr nach. Die Mehrheit zieht sie dem Euro vor, mehr als ein Drittel fordern sie sogar zurück.

          Dabei fiel ihre Schlussbilanz gar nicht so glänzend aus: Die D-Mark musste über ihre gesamte Lebensspanne eine durchschnittliche Inflationsrate von 3 Prozent hinnehmen; am Ende repräsentierte sie nur noch ein Viertel ihres ursprünglichen Wertes. Ungerechte Welt: Der Euro, der während seiner ersten Dekade durchschnittlich nur 2,1 Prozent an Wert verlor, wird dennoch als "Teuro" geschmäht. Dabei hat er - wie die D-Mark - gegenüber anderen Währungen viel Boden gutgemacht und seine Stabilität nach außen eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

          Was hatte die Mark, was der Euro nicht hat?

          Was also besaß die D-Mark, was der Euro nicht hat? Sie sonnt sich vor allem im Glanze ihres Gründungsmythos. Die Währungsreform vom 20. Juni 1948 gilt den Deutschen noch heute als Ursache des Wirtschaftswunders der fünfziger Jahre. Die meisten Zeitgenossen sahen in dem separaten Währungsschnitt in den drei westlichen Besatzungszonen aber auch die Geburtsstunde der Bundesrepublik und identifizierten deren politische Stabilität nicht zuletzt auch mit der Stabilität ihres Geldes.

          Seit Mitte der fünfziger Jahre verbanden sich mit der harten D-Mark in der Tat glänzende wirtschaftliche und politische Erfolge: die vorzeitige Tilgung der Vor- und Nachkriegsschulden, die "Wiedergutmachung" gegenüber Israel und den NS-Opfern, die "Weltmeisterschaft" im Außenhandel, eine - ungeachtet deutscher Souveränitätslücken - große außenpolitische Handlungsfreiheit, die Finanzierung des europäischen Integrationsprozesses, die Brechung der amerikanischen Hegemonie über das Weltwährungssystem durch den Aufbau eines eigenen Europäischen Währungssystems, dessen Anker die D-Mark war. Paradoxerweise pushte sie auch den deutschen Vereinigungsprozess, bevor dieser auf europäischer Ebene ihren politischen Tod herbeiführte. Am Ende vererbte sie dem Euro auch noch viele ihrer Erfolgsrezepte. Wahrlich ein erfülltes Währungsleben.

          Die ersten Scheine sahen aus wie eine Mickey-Mouse-Version des Dollar

          Dabei war ihr Start alles andere als glänzend. Die ersten Geldscheine sahen aus wie eine Mickey-Mouse-Version des Dollar, ihres Patenonkels. Ihr Einzug in den Westzonen besiegelte für viele Jahre die Spaltung Deutschlands. Dem Geldschnitt folgten hohe Preissteigerungen und Arbeitslosigkeit. Schließlich dauerte es zehn Jahre, ehe sie frei handelbar war. Dem standen allerdings auch unbestreitbare Vorzüge gegenüber. 1945 war jedermann klar, dass die während des Krieges eingetretene ungeheure Geldmengenvermehrung beseitigt werden musste. Alle politischen Kräfte in Westdeutschland verspürten wenig Neigung, an dem unpopulären System der Aushilfen und Provisorien länger als unbedingt nötig festzuhalten. Die meisten deutschen Experten sahen in einer Währungsreform sogar fast ein Allheilmittel gegen die deutsche Wirtschaftsnot.

          Die alliierten Besatzungsmächte beurteilten die Frage der Währungssanierung wesentlich nüchterner. Die Vereinigten Staaten ergriffen erst die Initiative, nachdem das Konzept einer gemeinsamen Deutschlandpolitik der Alliierten Ende 1947 im Londoner Rat der Siegermächte gescheitert war. Erst jetzt einigten sich die Westmächte auf eine Währungsreform, um die schon begonnene Mobilisierung der Wirtschaft ihrer Zonen fortzusetzen. Der Plan lag seit 1946 in den Schubladen der Militärregierung und stammte von dem früheren Kieler Finanzwissenschaftler Gerhard Colm und dem deutschstämmigen Ökonomen Raymond W. Goldsmith.

          Das Geld wurde in 5.000 Holzkisten nach Frankfurt gebracht

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