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Indien : Früherer Finanzminister: Wachstumsrate ist „statistische Illusion“

Indiens früherer Finanzminister Palaniappan Chidambaram Bild: AFP

Offiziell soll Indiens Wirtschaft um rund 7 Prozent im Jahr wachsen. Der ehemalige Finanzminister Chidambaram hält die Wachstumsrate für überzogen.

          2 Min.

          Der frühere indische Finanzminister zweifelt die offizielle Wachstumsrate des Subkontinents an. An der Universität der Wirtschaftskapitale Bombay (Mumbai) sagte Palaniappan Chidambaram, Indien wachse etwa um 5 Prozent jährlich. Die amtierende Regierung hatte eine neue Berechnung der Wachstumsrate angeordnet, die zu einem sprunghaften Anstieg um die 2 Prozentpunkte geführt hatte.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Banken wie Nomura räumen inzwischen ein, bei ihren Berechnungen auf die offizielle Grundlage zurückzugreifen – deshalb gehen nun Geschäftsbanken wie auch die multilateralen Banken von den offiziellen gut 7 Prozent aus und veröffentlichen sie. Auf dieser Grundlage erklärte die Bank Nomura nun, aufgrund des Bargeldentzuges seien ihre Indikatoren für Indien auf den tiefsten Stand seit Einführung der Indizes 1996 gefallen. Das spreche für einen Rückgang der Wachstumsrate vom hohen Wert von über 7 Prozent auf unter 6 Prozent zu Beginn des nächsten Jahres.

          Hinter vorgehaltener Hand melden die Analysten und Ökonomen alle Zweifel an der offiziellen Rate an. Für die indische Regierung war es ein Erfolg, dass das Land nun angeblich schneller wächst als der große Wettbewerber China.

          „Statistische Illusion“

          Chidambaram sagte in Bombay, die neue Berechnung basierend auf der Bruttowertschöpfung sei „fehlerhaft“, weil sie auf einer „statistischen Illusion“ basiere. „Die Wachstumsrate von 7 bis 7,5 Prozent passt zu keinem einzigen anderen wirtschaftlichen Indikator, den wir haben“. Es sei wichtig, Faktoren wie das Kreditwachstum (auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren), das Wachstum der Kernbereiche der Wirtschaft (zwischen 2 und 2,5 Prozent jährlich) und die Investitionen (auf dem geringsten Stand seit Jahren) in die Berechnung einfließen zu lassen. Nach seinem „Gefühl“ wachse die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens zwischen 5 und 5,5 Prozent jährlich.

          Ökonomen bestreiten seit langem die Berechnungen der Modi-Beamten. Sie unterstellen Neu Delhi eine mindestens so große Fälschung der Wachstumszahlen wie Peking. Im besten Falle nutze die Regierung Diskrepanzen in den Erhebungen für sich aus, seit sie im Februar 2015 das Berechnungsmodell umstellte. Mit Gegenrechnungen aber wagen sich die Wenigstens hervor – zum einen wäre dies auch für eine Bank eine Gefährdung des wachsenden Geschäftes mit Indien, zum anderen können eben auch sie nur tasten aufgrund der schwierigen Datenlage.

          Im Sommer allerdings hatte sich Priyanka Kishore, Asien-Ökonomin von Oxford Economics in Singapur, aus der Defensive gewagt. Sie kam zu einer ähnliche Einschätzung wie nun auch Chidambaram: „Unsere Berechnungen deuten darauf hin, dass die nationalen Berechnungen des Wachstums der herstellenden Industrie deutlich überhöht sind, die des Dienstleistungsbereiches ebenfalls, wenn auch geringer. Addiert man die Sektoren, ergibt sich eine Wachstumsrate von 5,8 Prozent im Fiskaljahr (31. März) entgegen der offiziellen Zahl von 7,6 Prozent“, erklärte die Analystin.

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