https://www.faz.net/-gqe-yrrp

Vorgezogene Tarifverhandlungen : Arbeitsplätze statt hoher Löhne

  • -Aktualisiert am

Es wird eine ruhige Tarifrunde: Die IG Metall will die Verhandlungen vorziehen - und vor allem Stellen sichern Bild: ddp

Hauptsache Arbeitsplätze sichern: Das ist die neue Devise der IG Metall. Erstmals in ihrer Geschichte geht die sie deshalb ohne eine konkret bezifferte Forderung in die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie.

          Nun ist offiziell, was sich schon länger angedeutet hat: Die mächtige, kampferprobte Industriegewerkschaft Metall geht einen für sie neuen Weg in der Tarifpolitik. Sie stellt keine Lohnforderung für die Tarifrunde auf, sondern verhandelt mit den Arbeitgebern stattdessen vorzeitig darüber, wie möglichst viele Arbeitsplätze in der kriselnden Branche gerettet werden können. Das hat der Vorstand der größten deutschen Gewerkschaft am Dienstag in Frankfurt beschlossen.

          „Ziel ist es, die Beschäftigung über die Krise hinweg zu sichern und den jungen Leuten eine Perspektive zu eröffnen“, sagte der Erste Vorsitzende der Gewerkschaft, Berthold Huber. Die Verhandlungen sollen in den nächsten Tagen im IG-Metall-Bezirk Nordrhein-Westfalen starten. Auch in Baden-Württemberg, einem traditionellen Pilotbezirk, wollen sich Arbeitgeber und Gewerkschaft schnell zusammensetzen, um ein „Jobpaket“ aus Beschäftigungssicherung und Entgeltsteigerung zu verhandeln.

          „Eine Nullrunde wird es nicht geben“

          Normalerweise geht einer Metall-Tarifrunde ein langwieriger Prozess voraus, in dem die Bezirke darüber debattieren, wie viel mehr Geld sie von den Arbeitgebern verlangen wollen. Am Ende entscheidet der Vorstand in Frankfurt über die Prozentzahl. Dass die IG Metall dieses Jahr keine Lohnzahl nenne, möge ungewöhnlich sein, sagte Huber am Dienstag. „Für uns ist es die logische Konsequenz aus der jetzigen Krisensituation.“ Den Verzicht auf Tarifrituale will die Gewerkschaft aber nicht als Verzicht auf Lohnsteigerungen verstanden wissen. „Eine Nullrunde wird es nicht geben“, sagte Huber. „Reallohnsicherung muss mindestens sein.“ Damit meint die Gewerkschaft, dass sie zumindest einen Inflationsausgleich herausholen will. Der Sachverständigenrat rechnet für 2010 mit einer Inflationsrate von 1,2 Prozent.

          Vergangene Woche hatte die IG Metall Baden-Württemberg die Idee ins Spiel gebracht, dass die Beschäftigungssicherung zwar bis 2012 vereinbart werden könnte. Der Vertrag zu Löhnen und Gehältern könne dagegen eine kürzere Laufzeit haben; auch Einmalzahlungen statt einer prozentualen Steigerung wären möglich. Allerdings will sich die Gewerkschaft mit solchen, aus ihrer Sicht kümmerlichen Lohnsteigerungen nicht für ewig binden. Im Fall einer kurzen Laufzeit könnten sie nachverhandeln, sobald sich die Lage der Branche bessert. Wie die angestrebte „Reallohnsicherung“ konkret aussehen könnte - darüber werde in den nächsten Tagen verhandelt, sagte Huber. „Die IG Metall hofft auf eine schnelle Einigung und darauf, dass im Arbeitgeberlager nicht doch noch die Pfennigfuchse über die konstruktiven Kräfte obsiegen werden.“

          „Wir gehen an die Grenzen unserer finanziellen Möglichkeiten“

          Danach sah es am Dienstag nicht aus. Es sei „logisch und vernünftig“, den Entgelttarifvertrag - der Ende April ausläuft - und die Stellensicherung zusammen zu verhandeln, sagte der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegiesser. Er betonte, dass die Metall- und Elektroindustrie schon länger als ein Jahr die Zahl ihrer Mitarbeiter weitestgehend gehalten habe - obwohl Produktion und Absatz um ein Drittel abgestürzt seien. Sie wollten das „enorme kollektive Wissen“ ihrer Teams erhalten. „Deshalb gehen wir an die Grenzen unserer finanziellen Möglichkeiten, obwohl wir unsere Produktion mit 20 bis 25 Prozent weniger Mitarbeitern schaffen könnten.“

          So einig sich Arbeitgeber und Gewerkschaft auch zu sein scheinen - ohne die Politik werden ihre Pläne nicht aufgehen. Denn zum einen verlangen die Tarifpartner von der Regierung, dass die Erleichterungen bei der Kurzarbeit über das laufende Jahr hinaus gelten sollen. Zum anderen wollen sie eine tarifliche Kurzarbeit miteinander aushandeln, nach der die Arbeitszeit auf bis zu 26 Stunden verringert werden könnte. Für die Beschäftigten soll es einen teilweisen Lohnausgleich geben. Damit der für die Arbeitgeber aber nicht zu teuer wird, soll die Regierung den Zuschuss von Sozialabgaben befreien. „Jetzt müssen auch für die Politik Betriebe und deren Belegschaften im Mittelpunkt stehen“, sagte Kannegiesser. „Nur sie können schließlich den Karren wieder aus dem Dreck ziehen.“

          Verhandlungen im öffentlichen Dienst gehen weiter

          Während die IG Metall in eine Tarifrunde der besonderen Art startet, geht im Tarifstreit des öffentlichen Dienstes alles seinen gewohnten Gang. An diesem Mittwochabend treffen sich die Gewerkschaften zur dritten Verhandlungsrunde mit Bund und Kommunen. Bis Freitag sollen die Gespräche in Potsdam dauern. Am Donnerstag ließen die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Deutsche Beamtenbund durchblicken, dass sie die einzelnen Elemente ihrer Fünf-Prozent-Forderung genauer beziffern wollen. Das hatten die Arbeitgeber in den vorangegangenen Verhandlungen verlangt, um überhaupt auf die Forderung eingehen zu können. Bund und Kommunen werden im Gegenzug wohl ein Angebot auf den Tisch legen.

          Die Warnstreiks der Beschäftigten im öffentlichen Dienst gingen am Dienstag weiter. Alleine am Flughafen München fielen 25 Flüge aus; der Nürnberger Flughafen war für etwa zwei Stunden gesperrt, weil die Flughafenfeuerwehr die Arbeit niedergelegt hatte. Verdi-Chef Frank Bsirske sagte am Dienstag in Berlin, dass in den vergangenen Tagen etwa 110.000 bis 120.000 Beschäftigte in den Warnstreik getreten seien. Während der Verhandlungen wird es vorerst keine weiteren Aktionen geben.

          Weitere Themen

          Das war die Gamescom 2019 Video-Seite öffnen

          Rückblick : Das war die Gamescom 2019

          Die Gamescom 2019 ist vorbei. Doch welche Hallen und Stände lohnten einen Besuch? F.A.Z.-Redakteur Bastian Benrath verrät es auf einem Videorundgang.

          Topmeldungen

          Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

          Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.
          Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über die Soli-Abschaffung

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.