https://www.faz.net/-gqe-165c9

Vor den Parlamentswahlen : Britannien in größter Not

Die Staatsschuld Großbritanniens explodiert - über die Folgen reden die Wahlkämpfer nur ungern Bild: Photoshot

Am 6. Mai sollen die Briten eine neue Regierung wählen, und das in einer Zeit, in der sich das Land aus der schwersten Krise seit Jahrzehnten schleppt. Das verunsichert die Bürger zutiefst - auch weil Gordon Brown mit dem Erbe der „Eisernen Lady“ droht.

          5 Min.

          Britische Wähler wissen sofort, was gemeint ist, wenn sie das neue Wahlplakat der Labour-Partei sehen: Abgebildet ist darauf nicht der Spitzenkandidat der Partei, Regierungschef Gordon Brown, sondern sein jugendlicher Herausforderer David Cameron aus dem konservativen Lager. Der sitzt lässig auf der Motorhaube eines nicht mehr ganz neuen feuerroten Autos - eines fast 30 Jahre alten Audi Quattro. Die Fotomontage ist angelehnt an eine auf der Insel populäre Retro-Fernsehserie, deren Held genau diesen Wagen fährt. Daneben steht in dicken Lettern: „Lass nicht zu, dass er in Großbritannien die 80er Jahre zurückbringt.“ Das genügt als Hinweis.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am 6. Mai sollen die Briten eine neue Regierung wählen - mitten in einer Zeit, in der sich das Land aus der schwersten Krise seit Jahrzehnten schleppt. Beginnt nach der Wahl für die ganze Nation eine Reise in die Vergangenheit? „Härter als unter Thatcher“ müssten die Sparmaßnahmen nach der Wahl ausfallen, gestand Gordon Browns Finanzminister Alistair Darling kürzlich in einem Augenblick der Offenheit ein.

          Die „fiese Partei“ hat schwer mit Thatchers Vermächtnis zu kämpfen

          Margaret Thatcher? Die konservative „Eiserne Lady“ ist schon lange aus Downing Street ausgezogen. Thatcher war Premierministerin von 1979 bis 1990. Aber im kollektiven Gedächtnis des Landes ist sie noch immer präsent. Mit kompromissloser Härte hat sie das zuvor praktisch von militanten Gewerkschaften regierte, marode Land auf Marktwirtschaft getrimmt und den Staat zurückgestutzt. Es war die Dekade, in der das Fundament für den bis weit ins neue Jahrtausend tragenden wirtschaftlichen Wiederaufstieg Großbritanniens gelegt wurde. Aber es war auch die Zeit eines schmerzhaften Strukturwandels, in der ganze Industrien zugrunde gingen und sich die soziale Schere zwischen Oben und Unten in der Gesellschaft weit öffnete (siehe Grafik).

          Bild: F.A.Z.

          Bis heute arbeiten sich die britischen Konservativen an dieser zwiespältigen Bilanz ab. In den Augen vieler Briten seien sie noch immer „the nasty party“ (die fiese Partei), klagte vor Jahren die Tory-Politikerin Theresa May, inzwischen Mitglied in Camerons Schattenkabinett. Ihr Ausspruch ist zum geflügelten Wort geworden. In diesem Frühjahr schauen sich viele Bürger mit bangem Blick um, ob sie nicht die Vergangenheit einholt. Sie sind zurück aus einer Zukunft der scheinbar ewigen Prosperität - und die Landung war hart.

          Die Banken in London, einst die Leuchttürme des britischen Wirtschaftsmodells, sind in der Finanzkrise zu verstaatlichten Milliardengräbern geworden. Der Immobilienmarkt, dessen Preise immer nur stiegen, weil alle glaubten, dass sie steigen würden, ist kollabiert. Zurückgeblieben sind Millionen bis an die Halskrause verschuldete Eigenheimbesitzer, die um ihre Arbeitsplätze bangen. Die Wirtschaft, deren Wachstumsraten viele Jahre deutlich über denen anderer europäischer Länder lagen, ist in den vergangenen Quartalen international das Schlusslicht gewesen.

          Das Land hat ein gewaltiges Schuldenproblem

          Wie schlecht geht es Europas drittgrößter Volkswirtschaft? Auf den ersten Blick sind die Aussichten gar nicht so deprimierend. OECD und Internationaler Währungsfonds erwarten, dass die wirtschaftliche Erholung in Großbritannien trotz des schwachen Starts aus der Rezession kurz- und mittelfristig kräftiger ausfällt als in den Euro-Ländern. Die Arbeitslosigkeit ist zwar um die Hälfte auf knapp 8 Prozent gestiegen, aber zumindest im Londoner Bankenviertel werden nach der Entlassungswelle des vergangenen Jahres bereits wieder neue Leute eingestellt. „Finanzdienstleistungen bleiben in der Globalisierung ein Wachstumsmarkt“, sagt mit trotzigem Optimismus der Ökonom Patrick Minford, Wirtschaftsprofessor an der Cardiff Business School und bis heute glühender Anhänger des Thatcherismus.

          Dennoch ist die Lage unübersehbar ernst. Großbritannien hat vor allem ein gewaltiges Schuldenproblem. Zwar ist die Staatsverschuldung in Relation zur Wirtschaftsleistung bisher auch nicht höher als etwa in Deutschland, doch hat sie sich seit 2007 fast verdoppelt. Dieses Jahr wird das britische Defizit höher sein als in allen anderen großen Industrieländern und voraussichtlich 11,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Dazu kommt die extrem hohe private Schuldenlast der Bürger: Der durchschnittliche britische Haushalt hat Verbindlichkeiten von mehr als 180 Prozent des verfügbaren Jahreseinkommens. Auch das ist im internationalen Vergleich ein einsamer Spitzenwert. Die Zwangsversteigerungen von Immobilien haben ein Rekordniveau erreicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Beim Grillfest der SPD in Rostock: Ministerpräsidentin Schwesig

          Schwesig im Wahlkampf : Als stünde sie allein im Ring

          Beflügelt durch die Beliebtheit der Ministerpräsidentin steht der SPD in Mecklenburg-Vorpommern ein historischer Sieg bevor. Wie ist das Manuela Schwesig gelungen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.