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Vor den Koalitionsverhandlungen : Der Mindestlohn verteuert das Leben

Die Tarife für Krankenfahrten werden wohl steigen, sagt der Taxi-Verband Bild: dpa

Wenn ein Mindestlohn von 8,50 Euro kommt, werden viele Preise steigen. Allein Taxifahrten könnten um 20 Prozent teurer werden. Doch auch anderes wird mehr kosten.

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          Mit der geplanten Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns von voraussichtlich mindestens 8,50 Euro je Stunde bahnt sich für weite Teile des Dienstleistungssektors ein erheblicher Kostenschub an. Das Taxigewerbe stellt sich nach Angaben des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands auf Mehrkosten von 20 bis 25 Prozent ein und fordert eine entsprechend starke Erhöhung der Beförderungstarife.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Dass dies keine Theorie ist, hatte sich jüngst schon im Friseurgewerbe gezeigt. Dort gilt für tarifgebundene Betriebe seit August eine neue Untergrenze mit einem Grundlohn von 8,50 Euro im Westen und 6,50 Euro im Osten. Friseurketten wie Klier und Essanelle haben ihre Preise bereits in etlichen Regionen um 15 bis 30 Prozent erhöht.

          Mit kräftigen Preiserhöhungen ist auch im Gastgewerbe zu rechen, falls der Mindestlohn dort die erhoffte Wirkung entfaltet. Von den 2 Millionen Erwerbstätigen in Gaststätten, Hotels und Cateringbetrieben arbeiten nach einer aktuellen Studie der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mehr als 66 Prozent für einen sogenannten Niedriglohn. Als solcher wurde in diesem Fall ein Lohn von unter 9,15 Euro definiert; ein großer Teil der Löhne dürfte aber auch unter 8,50 Euro liegen.

          Arbeitnehmer mit Bruttostundenlöhnen bis zu 8,50 Euro

          Dass die personalintensive Gastronomie besonders betroffen sein dürfte, zeigt sich auch daran, dass der festgestellte Niedriglohnanteil, gemessen an der Schwelle von 9,15 Euro, gut dreimal so hoch ist wie im Durchschnitt der Gesamtwirtschaft (21 Prozent). Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat ermittelt, dass 17 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland weniger als 8,50 Euro erhalten und daher theoretisch vom Mindestlohn profitieren könnten; das wären etwa 7 Millionen von insgesamt 42 Millionen Erwerbstätigen.

          Unterschiedliche Studien über die Auswirkungen des Mindestlohns

          Offen ist aber, inwieweit die Betroffenen tatsächlich profitieren. Über die Auswirkungen auf die Beschäftigung insgesamt gibt es unterschiedliche Studien, deren Ergebnisse von Verlusten von mehr als einer Million Arbeitsplätze bis hin zu leicht positiven Beschäftigungseffekten reichen. Doch auch eine Verlagerung auf andere Erwerbsformen könnte die Einkommenseffekte, wie auch die Kosten des Mindestlohns, dämpfen. Mit einer deutliche Warnung in diesem Sinne reagierte am Freitag der Landesverband des Thüringer Verkehrsgewerbes auf die Mindestlohn-Pläne der geplanten großen Koalition. „Zum Schluss bleiben nur selbstfahrende Unternehmer und Aushilfskräfte übrig“, warnte der Verband, der etwa 500 private Fuhrunternehmer vertritt. Der Schwarzarbeitsforscher Friedrich Schneider erwartet, dass vor allem am Bau, bei Gärtnerarbeiten und konsumnahen Dienstleistungen künftig mehr schwarz gearbeitet wird. „Da findet sich garantiert jemand, der das auch für 6, 7 oder 8 Euro unter der Hand macht“, sagte er.

          Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel pochte am Freitag darauf, einen gesetzlichen Mindestlohn von anfangs 8,50 Euro einheitlich in West und Ost einzuführen. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe bekräftigte nach einer Vorstandsberatung die Kompromissbereitschaft seiner Partei. Die Union trete aber weiter dafür ein, „die Beschäftigungsauswirkungen etwaiger Regelungen genau zu beachten“. In der Bevölkerung kommen die Pläne der möglichen Koalition gut an. 83 Prozent der Befragten sprachen sich laut ZDF im aktuellen „Politbarometer“ für einen Mindestlohn von 8,50 Euro aus. Nach damit verbundenen Preiserhöhungen wurde dabei allerdings nicht gefragt.

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