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Vor dem Krisengipfel in London : Ist der Kapitalismus noch zeitgemäß?

Begründet wurde das Wunder der Industrialisierung durch die wachstumswirksame Revolution der menschlichen Denkungsart seit der europäischen Renaissance. Entscheidend waren die Ideen: Knowledge matters. „Ideen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger als üblicherweise angenommen“, sagte John Maynard Keynes und bestritt damit zugleich dem auch unter nichtmarxistischen Ökonomen verbreiteten Materialismus sein Recht. Dafür, dass Ideen gedacht werden und fruchtbar werden, braucht es Wettbewerb. Mehr noch: Der Wettbewerb wurde überhaupt erst zum Geburtshelfer dieser Ideen. Denn er setzt Anreize zur Kreativität.

Eigentum muss respektiert werden

Was sind die Bedingungen für eine gute Marktwirtschaft? Allemal braucht es technische und institutionelle Voraussetzungen, die (Wissens-)Angebot und -Nachfrage zusammenbringen. Grundbedingungen dafür ist, dass (geistiges) Eigentum respektiert wird: Autorenschaft muss anerkannt werden, und Patente müssen vor Imitation geschützt werden. Ohne Individualismus kein Markt. Unabdingbar ist zudem ein Rechtssystem, welches Eigentum garantiert, Vertragsfreiheit sichert und Regelverstöße ahndet oder zumindest Ahndung androht. Mehr noch: Bildung muss eine angemessene Einkommens- oder Prestigerendite versprechen; Abweichlertum muss eine Chance wittern, als Avantgarde einen guten (zunächst womöglich immateriellen) Preis zu erzielen und irgendwann auch Mainstream werden zu können. Nur dann lohnt es sich, Denker oder Künstler zu werden und in die eigene Intellektualität zu investieren.

Im „Durchsetzen neuer Kombinationen“ lag für Joseph Schumpeter der Kern der Kreativität des Kapitalismus. Was freilich häufig übersehen wird, ist die Tatsache, dass dieser Prozess der kreativen Wohlstandsmehrung nicht linear verläuft, sondern zyklisch, im Wechsel von Auf- und Abschwung, von Boom und Krise. Boomzeiten aber, ob künstlich oder real, verzerren Anreize und Werte. Sie machen uns blind für die Risiken. Nichts anderes meint die häufig hingeworfene Floskel, die Wirtschaft bestehe mindestens zur Hälfte aus Psychologie. „Die menschliche Natur beeinflusst die Art und Weise, wie wir uns auf Märkten verhalten - viel mehr, als dass Märkte unsere menschliche Natur beeinflussen“, sagt der indische Ökonom Jagdish Bhagwati. Von „animal spirits“, animalischen Trieben, spricht Keynes. Sie führen dazu, dass die scheinbar so rationalen Märkte zwischen Gier und Angst schwanken.

Keynes war der Meinung, dass die meisten wirtschaftlichen Aktivitäten der Menschen rationalen Motiven entspringen. Die Menschen verfolgen ihre Ziele, sie suchen ihren Nutzen, sie wägen Kosten und die möglichen Alternativen ab. Aber sie sind auch, weil sie Menschen aus Fleisch und Blut sind, ihren Trieben und Stimmungen unterworfen. Einmal neigen sie zu Vertrauen, ein anderes Mal dominiert das Misstrauen. Mal werden sie neidisch, mal meldet sich das alte Ressentiment. Und nie gibt es ein objektives Maß, welches anzeigen würde, wann eine Unternehmung zu riskant und wann eine Gewinnerwartung übertrieben ist.

Erst der Kredit verschafft den Habenichtsen eine Chance

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