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Vor dem Krisengipfel in London : Ist der Kapitalismus noch zeitgemäß?

Ist es ein Zufall, dass zwischen 1980 und 2005, jener Zeit, in der die Welt die Idee freier Märkte wieder entdeckte, der Lebensstandard in vielen Ländern rund um den Globus sich rapide verbesserte? Es sind jene Jahre, die Köhler und Gorbatschow jetzt als Jahre der Profitexzesse und des ungesunden Wachstums denunzieren. Die Daten aber beweisen eindeutig: Genau in diesen Jahren hat sich das Prokopfeinkommen der Weltbevölkerung inflationsbereinigt von 5400 auf 8500 Dollar gebessert. Das ist mehr als „nur“ ein materieller Erfolg: Bildungschancen der Kinder und Lebenserwartung der Alten haben sich enorm gemacht; die Kindersterblichkeit ging zurück, und es gibt viel weniger Arme auf der Welt (siehe Grafiken). Verglichen mit dem Jahr 1980, werden heute wesentlich mehr Staaten der Welt demokratisch regiert. Die Ungleichheit in den Lebensstandards und Einkommensniveaus zwischen den Ländern nahm ab, wiewohl sie innerhalb einer Reihe ehemals armer Länder fortschrittsbedingt zunahm.

Noch einmal gefragt: Ist es Zufall, dass es jenes gerade vergangene Vierteljahrhundert ist, das viele heute gerne als Zeitalter unverantwortlicher Marktexzesse diskreditieren, das der Menschheit so viel Wachstum und Wohlstand gebracht hat? Der Harvard-Ökonom Andreij Shleifer nennt jene Jahre provokativ „das Zeitalter Milton Friedmans“ nach dem berühmten Chicago-Ökonomen und Nobelpreisträger Friedman (1912 bis 2006), der offene Märkte, eine stabile makroökonomische Wirtschafts- und Finanzpolitik und rechtsstaatliche Verlässlichkeit als Grundvoraussetzung für menschlichen Wohlstand propagierte.

Friedman hatte das Glück, dass seine Ideen nicht im akademischen Elfenbeinturm blieben, sondern von Politikern wie Ronald Reagan in Amerika und Margaret Thatcher in Großbritannien in reale Politik umgemünzt wurden: Privateigentum, Freihandel, disziplinierte Staatsbudgets und zumutbar niedrige Steuern bilden den Kern seiner Lehre. Heute daran zu erinnern, wo die Staaten – zu Hilfe gerufen von Kapitalisten, die in ihrer Hilflosigkeit einen mehr als jämmerlichen Eindruck machen – mit schuldenbasierten Rettungspaketen sich nur so überbieten, ist mehr als ein Verstoß gegen den guten Geschmack. „So etwas tut man nicht“, würde Horst Köhler sagen.

Der Kapitalismus hat die Menschen befreit

Aber womöglich würde der Bundespräsident das Argument akzeptieren, dass der mit Abstand größte Skandal der Menschheit darin besteht, dass Millionen von Menschen in Afrika bis heute hungern und in bitterster Armut leben, ja dass es dort vielen heute viel schlechter geht als zum Zeitpunkt ihrer Befreiung von den Kolonialregimes. Afrika aber, das soll nicht zynisch klingen, ist mit Sicherheit jener Kontinent, wo weder die Ideen Milton Friedmans noch gierige Investmentbanker ihre „Exzesse“ veranstaltet haben.

Es war der Kapitalismus, der die Menschen aus der Sklavenhalterwelt Oliver Twists befreit hat. Seit der Entstehung des Finanzkapitalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat sich die Produktivität in all jenen Ländern Europas gebessert. Der Finanzkapitalismus hat es den Menschen ermöglicht, sich aus langweiliger, ermüdender oder beschwerlicher Arbeit zu befreien und sich fortan geistig anspruchsvollen Tätigkeiten zuzuwenden.

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