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Energiewirtschaft : Volle Gasspeicher machen Betreiber unglücklich

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„Mit einem Sommer-Winter-Preisunterschied von 2 Euro rechnet sich kein Speicherprojekt, das ist ganz klar“, sagt Peter Schmidt. Er ist kaufmännischer Geschäftsführer bei der EWE Gasspeicher GmbH. Der Preisverfall hat mehrere Ursachen. Eine ist das große Überangebot an Erdgas auf dem europäischen Markt, als Folge langfristiger Liefer- und Abnahmevereinbarungen. Der milde Winter, auch die Energiewende, die Gaskraftwerke aus dem Markt gedrängt hat, lassen die Nachfrage schrumpfen.

Auch die Deregulierung trägt dazu bei. Das Geschäft, früher einmal in einer Hand, ist heute stark segmentiert in Großhändler, Vertriebe, Netzbetreiber, Speicheranbieter. Speicher werden weniger für die Winterreserve genutzt als für den aktiven Handel. So kam es, dass der Netzbetreiber OGE im vorigen Winter Alarm schlug, als die Händler munter Gas verkauften und Speicher sich leerten, als es kalt wurde. Jeder verlasse sich in puncto Versorgungssicherheit auf den anderen, heißt es. Das gehe aber nur so lange gut, wie genügend Gas vorhanden sei.

Wintershall verkauft seine Speicher

„Speicher sind die einzige physische Quelle für Flexibilität und somit Garant für Versorgungssicherheit“, sagt Wintershall-Sprecher Michael Sasse. Derzeit bestehe der Eindruck, der Markt schaffe diese Flexibilität. „Doch jeder virtuelle Markt funktioniert nur, wenn dahinter mit ausreichend Speichern auch physische Fakten stehen; wir müssen begreifen, dass Versorgungssicherheit und Flexibilität langfristig einen Preis haben.“

Wintershall hat das Interesse an dem Geschäft verloren und verkauft seine Speicher an die deutsche Tochtergesellschaft des russischen Energieriesen Gasprom. Der nutzt seine Speicher weniger als Instrument für den Handel denn zur Sicherung seiner Lieferverpflichtungen. Man kalkuliere entsprechend anders, sagt der Speicher-Chef Detlef Weidemann. Reine Speicherbetreiber müssen anders rechnen: „Auf Dauer wird es nicht gelingen, bestehende Speicher mit einem Entgelt von 2 oder 3 Euro je Megawattstunde Arbeitsgaskapazität am Leben zu halten“, sagt Schmidt von der EWE.

Dabei ist das Gesamtvolumen der Speicher das eine, ihre Lage das andere. Denn was hülfen riesige Speicher an der niederländischen Grenze, wenn das Gas in Süddeutschland benötigt werde, die Leitungskapazitäten aber nicht reichten, es in kurzer Frist dorthin zu pumpen?, fragt einer aus dem Kreis der Netzbetreiber.

Die Sorge um die Versorgungssicherheit treibt auch die Politik um. Nicht nur in Deutschland. Auch die EU-Kommission. Denn nicht jeder große Gasverbraucher in Europa, siehe Großbritannien, hält entsprechend große Speicher vor. Nicht zuletzt mit Blick auf den Konflikt um die Ukraine hat der Bundesrat auf Antrag Bayerns die Bundesregierung aufgefordert zu prüfen, ob eine nationale Gasreserve von 45 Tagen angelegt werden könne. Vorbild könnte die in den siebziger Jahren eingeführte Ölreserve für 90 Tage ein. Gas für 45 Tage zu bevorraten entspräche einem Volumen von etwa 10 Milliarden Kubikmetern, fast die Hälfte des heutigen Speichervolumens. Schon werden Forderungen laut, eine Gasreserve müsse den Verbrauch von 90 Tagen sicherstellen.

Auch das Wirtschaftsministerium weiß, „dass der wirtschaftliche Betrieb von Gasspeichern derzeit vor verschiedenen Herausforderungen steht“. Man beobachte „die Situation sehr genau“, heißt es. Jetzt sucht das Ministerium wissenschaftlichen Beistand. Gerade hat es ein Gutachten ausgeschrieben. Es trägt den sperrigen Titel: „Möglichkeiten zur Verbesserung der Gasversorgungssicherheit und der Krisenvorsorge durch Regelungen der Speicher (strategische Reserve, Speicherverpflichtungen), einschließlich der Kosten sowie der wirtschaftlichen Auswirkungen auf den Markt“.

Die Speicherbetreiber haben ihre Lösungsvorschläge schon skizziert. Sie halten wenig von einer festen Reserve wie beim Mineralöl. Lieber würden sie die Händler zur Reservehaltung verpflichten. „Jeder Händler sollte für seine Reserven sorgen müssen“, sagt Protze von der Initiative Erdgasspeicher. Alternativ könne man sich vorstellen, dass die Gasnetzbetreiber feste Mengen in den Speichern bevorraten müssten, immerhin hätten die schon heute besondere Durchgriffsrechte zur Aufrechterhaltung der Versorgung.

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