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Versorgungsproblem in der Ukraine : Schubumkehr für russisches Gas

  • -Aktualisiert am

Speicher in der Ukraine: Die EU ist auf Gaslieferungen aus Osteuropa angewiesen Bild: REUTERS

Mit Gaslieferungen in die Ukraine will die EU für den nächsten Winter vorsorgen. Ob das klappt, wird in der Branche angezweifelt.

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          Unbeeindruckt von Sanktionen Amerikas und der EU pumpt Russland weiterhin Erdgas Richtung Westen. Die EU und auch das Bundeswirtschaftsministerium sehen nach von Moskau angedrohten Preiserhöhungen „keine Anzeichen für Versorgungsstörungen“. Während der Transit der Moleküle durch die im Streit mit Russland liegende Ukraine funktioniert, hat der russische Staatskonzern Gasprom die Belieferung des Nachbarstaates im Streit um den „richtigen“ Preis und dem Verlangen nach Vorkasse eingestellt.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Aktuell stört auch das niemanden. Doch könnte sich daraus im Winter ein Versorgungsproblem für die Ukraine und andere Abnehmer in Mittel- und Südosteuropa ergeben, warnen nun auch Vertreter der europäischen Gasbranche. Der Zusammenhang ist schnell beschrieben: Die Ukraine hat nach Amerika und Russland die größten Gasspeicher der Welt. Sie fassen 32 Milliarden Kubikmeter – ein Drittel des deutschen Jahresverbrauchs – und dienen der Versorgung im Winter.

          Sie sind auch ein Notnagel für die Belieferung westlicher Nachbarn, wenn im Winter die Gasnachfrage den russischen Lieferanten überfordert. Das Problem ist: Es wird knapp, die Speicher bis zum Anbruch des „Gasjahres“ am 1.Oktober ausreichend zu füllen. Am vergangenen Freitag betrug die Füllmenge nach Angaben der Vereinigung der europäischen Gasinfrastrukturbetreiber 46 Prozent. Die 28 EU-Staaten hatten ihre Untergrundspeicher dagegen im Durchschnitt zu mehr als 80 Prozent gefüllt, Betreiber in Deutschland nutzen ihre Speicher noch besser.

          Milder Winter, geringe Nachfrage

          Gründe dafür sind auch der milde Winter und die geringe Nachfrage der Gaskraftwerke. Deshalb waren die Kavernen im Frühjahr voller als üblich. Dennoch verlangt Stephan Kamphues, Sprecher des größten deutschen Netzbetreibers Open Grid Europe, „eine Absicherungsstrategie in Bezug auf Quellen und Transportwege“. Das wäre ein Ziel eher für die mittlere Frist, kurzfristig gilt seine Forderung: „Die Speicher sollten voll sein, bevor der Winter kommt.“

          Das gilt erst recht für die vom Krieg erschütterte Ukraine. Hier entspannt die schrumpfende Wirtschaft die Nachfrage ebenso wie Preiserhöhungen und Sparprogramme. Entsprechend konnten die Speicher seit Mai aus Eigenerzeugung und Importen um rund 5 Milliarden Kubikmeter aufgefüllt werden. Dennoch fehlen laut Netzbetreiber für eine 100-Prozent-Deckung 17 Milliarden Kubikmeter. Knapp 15 Milliarden sind eingespeichert, 20 Milliarden sollten es nach Einschätzung von EU-Kommission und Gaswirtschaft bis 1.Oktober mindestens sein. Für die Ukraine stellen sich damit zwei Fragen: Woher das Gas nehmen? Und wie bezahlen?

          Da Russland als Lieferant einstweilen ausfällt, kann das Gas nur aus Eigenerzeugung oder westlichen Importen stammen. Da die Eigenerzeugung an der Kapazitätsgrenze läuft, bleiben Westimporte. Schon 2013 hatte der ukrainische Gasversorger Naftogas laut EU 2 Milliarden Kubikmeter Gas aus dem Westen bezogen, per Schubumkehr Richtung Osten. Dabei handelt es sich um Gas aus Westeuropa, darunter können auch aus Russland gelieferte Moleküle sein.

          Stoff für neue Konflikte

          Gasprom sucht solche Lieferungen zu verhindern, was neuen Konfliktstoff mit der EU birgt. In diesem Frühjahr zählten die französische GDF Suez via Ungarn und der deutsche Energiekonzern RWE über die polnische Route zu den Lieferanten. Beide Leitungen sind eher „dünn“. RWE hatte erklärt, man könne die Lieferungen ausweiten, „sofern in den nächsten Wochen Lösungen für politische und technische Transportbeschränkungen an der Grenze zwischen der Slowakei und der Ukraine gefunden werden“.

          Dafür gibt es eine politische Lösung, aber keine technische Umsetzung. Zwar hatte die EU-Kommission Ende April mit der slowakischen Regierung verabredet, eine vorhandene und ungenutzte Pipeline bei Velké Kapušany kurzfristig zu modernisieren und für den Transport in die Ukraine zu nutzen. Doch die Hoffnung, von dort aus ab diesem Herbst jeden Tag 22 Millionen Kubikmeter Gas – umgerechnet 8 Milliarden Kubikmeter im Jahr – zu pumpen, erwies sich als trügerisch. Manche in der Branche unken, das sei so, weil dort Gasprom-Leute Dienst täten. Weniger als die Hälfte der Menge könne aus Kapazitätsgründen diesen Herbst und Winter transportiert werden.

          Die Warnungen sind nicht uneigennützig

          Die Konsequenz liegt auf der Hand: „Im Winter fehlen der Ukraine in Spitzenzeiten bis zu 150 Millionen Kubikmeter am Tag“, warnen Gasexperten nun Politiker in Brüssel und Berlin. Ohne Lieferungen aus Russland und volle Speicher stehe der Ukraine diesen Winter eine Versorgungskrise bevor. Das Szenario dahinter heißt: Die Krise in der Ukraine könnte sich verschärfen, die politischen Kosten auch für den Westen steigen. Nicht zuletzt könnte die Versorgungssicherheit in Südosteuropa ohne den Rückgriff auf ukrainische Speicher im Winter gefährdet sein.

          Für Deutschland und Westeuropa, die auch durch die neue Ostseepipeline versorgt werden, gälten solche Bedenken einstweilen nicht, bestätigt die Vereinigung der Gas-Fernleitungsnetzbetreiber. Warnungen der Gasbranche sind nicht uneigennützig. Selbst wenn die Transportkapazitäten gemessen am Bedarf zu klein sind, müssen die gelieferten Mengen bezahlt werden. Hier erwarten die Lieferanten von Erdgas eine größere Hilfe bei der Absicherung ihrer Geschäfte mit der finanziell am Abgrund stehenden Ukraine.

          Nicht nur in Brüssel ist die Botschaft angekommen. Die Bundesregierung denke darüber nach, wie „bestehende nationale und internationale Unterstützungs- und Hilfsprogramme für die Ukraine stärker auf die energetischen Probleme des Landes ausgerichtet und eventuell ausgebaut werden können“, erklärte das Wirtschaftsministerium auf Anfrage. Man werde „die zu ergreifenden Maßnahmen“ in enger Kooperation mit den internationalen Partnern und der Ukraine abstimmen.

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