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Verkauf von „Klonfleisch“ : Aigner verteidigt EU-Plan

Greift er zu „Klonfleisch”? Der Verbraucher wird es äußerlich nicht erkennen können Bild: AP

Die europäischen Agrarminister haben den Weg für die Zulassung von Fleisch von Nachkommen geklonter Tiere frei gemacht. Agrarministerin Aigner verteidigte den umstrittenen Vorstoß, der bessere Kontrollen des „Klonfleischs“ bewirken soll.

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          Die deutsche Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) hat die geplante Zulassung für das Fleisch der Nachkommen geklonter Tiere in der EU verteidigt. „Der Vorschlag, den wir jetzt einbringen, ist eine Verschärfung geltenden Rechts“, sagte Aigner am Montag bei einem Treffen der EU-Agrarminister in Luxemburg. Die Minister machten wie erwartet den Weg frei für die Zulassung von Fleisch oder Milch der Nachkommen geklonter Tiere (EU-Staaten machen Weg für „Klonfleisch“ frei).

          Hendrik Kafsack
          (hmk.), Wirtschaft
          Helmut Bünder
          (bü.), Wirtschaft

          Dieses „Klonfleisch“ fällt künftig unter die EU-Verordnung für neuartige Lebensmittel. Bisher gebe es gar keine Regelung für die Zulassung dieser Waren, sagte Aigner. Sie könnten faktisch unkontrolliert verkauft werden, weil dies - im Gegensatz zu dem Verkauf des Fleischs der geklonten Tiere selbst - bisher nicht explizit verboten ist. Mit der Änderung der Verordnung sei nun zumindest sichergestellt, dass die Produkte vor einer Zulassung genau geprüft würden.

          In Amerika und Kanada schon längst im Verkauf

          Tatsächlich müsste die EU die Zulassung auf Basis des nun beschlossenen Verfahrens voraussichtlich erteilen. Die zuständige Lebensmittelagentur Efsa hat dieses Fleisch 2008 als gesundheitlich grundsätzlich nicht bedenklich eingestuft. Die EU-Kommission müsste es also nach den Regeln der Verordnung, die eigentlich für Elektrolyt-Getränke oder bisher in der EU nicht übliche Speisen wie Käferlarven gedacht ist, zulassen. Erst wenn die EU, wie am Montag von vielen Staaten - auch von Deutschland - gefordert, ein spezielles Verfahren für die Zulassung von Klonprodukte schafft, könnte sie diese unter Berufung auf ethische Fragen leichter verbieten.

          Noch gibt es in europäischen Supermärkten Europas weder Fleisch noch Milchprodukte der Nachkommen geklonter Tiere. Ebenso wenig hat die Industrie einen Antrag darauf gestellt. In den Vereinigten Staaten und in Kanada wird „Klonfleisch“ jedoch - wenn auch noch nicht in großem Stil - verkauft. „Wenn solche Produkte aus Amerika in der EU überhaupt verkauft werden, dann in verschwindend geringen Mengen“, sagte ein Fachmann aus dem Agrarministerium. Wegen des EU-Verbots von Masthormonen gelangt ohnehin wenig Fleisch aus den Vereinigten Staaten nach Europa. 2008 waren es 6000 Tonnen, davon kamen nicht mehr als 500 Tonnen nach Deutschland. Wie viel Fleisch von geklonten Tieren oder deren Nachkommen stammt, erfasst die Statistik nicht. Die Branchenverbände spielen das Thema herunter. „Wir beschäftigen uns damit, wenn es soweit ist“, sagte eine Mitarbeiterin des Verbandes der Fleischwirtschaft (VdF).

          Gebrauch der „Dolly-Methode“ bislang uneffizient

          Um die Tiere zu klonen, werden momentan zwei Verfahren genutzt: Zum einen können aus einem Tierembryo durch Aufteilen bis zu acht neue Embryonen gewonnen werden, die dann in „Leihmütter“ eingesetzt werden. Dieses Verfahren wird in Amerika seit den achtziger Jahren angewandt und gilt als vergleichsweise unproblematisch, weil es in der Regel nicht zu Missbildungen führt. Anders ist das im Fall des zweiten Verfahrens, der „Dolly-Methode“. Den „Spendertieren“ wird dazu etwa Haut entnommen. Aus den Zellen wird der Zellkern herauspräpariert und in eine entkernte Zelle etwa von einem Rind eingesetzt. Auf diesem Weg erzeugte 1996 der Brite Ian Wilmut das Klonschaf Dolly. Solche Klone sterben oft früh und leiden an schmerzhaften Missbildungen etwa der Organe. Von 100 geklonten Embryonen überleben bisher nur etwa neun. Auch deshalb kostet es rund 10.000 Euro, eine Kuh auf diesem Weg zu klonen.

          Der Verkauf des Fleischs der durch „Dolly-Methode“ erzeugten Rinder wäre daher unwirtschaftlich. Trotzdem hat das Klonen zur Lebensmittelerzeugung Zukunft, glaubt vor allem die amerikanische Industrie. Dort sind Konzerne wie Viagen, Minitube oder Cyagra Vorreiter. Allein Viagen verkauft je Jahr 150 geklonte Rinder an Züchter. Wie viele geklonte Tiere es in Amerika gibt, ist nicht bekannt. Die Schätzungen variieren von 600 bis 4000 geklonten Kühen und etwa 1500 Schweinen auf der Welt, die meisten davon in den Vereinigten Staaten. In Deutschland gibt es nach Einschätzung von Heiner Niemann vom Institut für Nutztiergenetik in Mariensee bei Hannover 50 geklonte Rinder, in der EU ungefähr 200.

          „Die ethische Debatte muss erst noch geführt werden“

          Ökonomisch interessant ist das Klonen vor allem, weil sich auf diesem Weg Tiere, die besonders gesund sind, sehr viel Milch oder besonders viel Fleisch liefern, auf effiziente Weise vervielfältigen lassen. Das Verfahren biete perspektivisch möglicherweise Chancen, um Zuchtfortschritte schneller zu verwerten, sagte etwa eine Mitarbeiterin des Verbandes der Fleischwirtschaft (VdF). So könnte ein Züchter eine „Hochleistungskuh“ klonen, die Klone anschließend mit dem Sperma eines „Superbullen“ besamen lassen und hätte dann mehrere hochwertige Kälber. In den Vereinigten Staaten sind Zuchtbullen geklont worden, um auch ihr Sperma verkaufen zu können. Die Abnehmer zahlen für dieses Sperma weniger als die Hälfte des Preises für das Sperma des Spendertieres. Der Deutsche Bauernverband (DBV) rechnet damit, dass die Klontechnik in Amerika rasch an Bedeutung gewinnen wird und die Amerikaner energisch auf eine Öffnung des europäischen Marktes dringen werden. „Doch die ethische Debatte über das Klonen muss noch geführt werden“, sagte ein Sprecher.

          Die Produkte der Nachkommen von Klontieren können die Hersteller wohl erst in zehn bis fünfzehn Jahren in großem Umfang vermarkten. Zunächst müsse die Industrie die „Kinderkrankheiten“ des Klonens beheben, sagen Fachleute. Um so mehr wundere er sich, dass die EU jetzt schon trotz des großen Widerstands in der Bevölkerung, im Europaparlament und in der EU-Kommission den Weg für die Zulassung freimache, sagte Matthias Wolfschmidt von Foodwatch am Montag. Von einer Regelungslücke könne kaum die Rede sein, wenn es gar keine Anträge für eine Zulassung dieser Fleischprodukte gebe. Die Minister preschten ohne Not vor. Das nächste Wort hat nun das EU-Parlament. Es muss der Änderung der Verordnung noch zustimmen.

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