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Verkauf der Warhol-Bilder : Das Geplärre um die Kunst

Das Land Nordrhein-Westfalen will zwei Warhol-Bilder verkaufen und das Geld in eine marode Spielbank stecken. Der Aufschrei ist riesig. Aber ist das wirklich der Untergang unserer Kulturnation? Ein Kommentar.

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          Wenn Kunst provozieren soll, dann hat Andy Warhol postum einen Erfolg gelandet. Mit seinem Werk hat die Aufregung dieser Tage aber wenig zu tun. Es geht wie so oft in der Kunst ums Geld. Nicht gefälschte Gemälde oder falsche Expertisen treiben den Kunstbetrieb auf die Barrikaden, sondern schlicht der Verkauf von zwei Bildern. Bilder, die seit vier Jahren im Depot lagen, nach denen kein Hahn krähte und vielleicht in den nächsten zwanzig Jahren nicht gekräht hätte. Obwohl sie einst für jeden sichtbar in der Spielbank von Aachen an der Wand hingen.

          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Der Casinobetreiber Westspiel, Tochtergesellschaft der landeseigenen NRW Bank und damit in Staatsbesitz, hat „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ zur Auktion bei Christie’s New York eingeliefert. Zwei großformatige frühe Ikonen der Pop-Art, einst angeschafft für zusammen knapp 400.000 Mark, könnten nun 100 Millionen Euro einbringen. Geld, das das Land ausgerechnet in seine marode Spielbank stecken will.

          Der Aufschrei kam prompt. 26 Museumsdirektoren haben in einem wütenden Brief an die Landesregierung vor einem Tabubruch gewarnt. Der Deutsche Kulturrat fürchtet einen Präzedenzfall. Kunstwerke zu veräußern, um Staatskassen zu sanieren, sei unanständig, ein Systembruch, sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Es habe noch keine Landesregierung nationales Kulturgut verkauft, um Löcher im Haushalt zu stopfen.

          Ist ein Warhol deutsches Kulturgut?

          Wie viel Anstand die Bundesregierung walten lässt, um solche Löcher erst gar nicht entstehen zu lassen, sei dahingestellt. Aber der Hinweis auf nationales Kulturgut mutet bei den Warhol-Bildern arg befremdend an. National wertvolle Kulturgüter sind vor dem Export geschützt, das ist so. Mit nationalen Argumenten jeden Verkauf zu torpedieren aber ist fragwürdig und doppelzüngig: Seit Jahren schon fordern die Ägypter die Rückgabe der Nofretete. Und während der Pergamon-Altar – bis zu seiner Sanierung – Hunderttausende Besucher auf die Berliner Museumsinsel lockt, weht über seinen Fundamenten auf der Hochebene von Bergama zum Ärger der Türken nur der Wind.

          Wie der Altar wohl dort wirken würde, wo er gebaut wurde? Die Rückgabe ist faktisch ausgeschlossen, dafür gibt es Gründe. Nur: Wer in diesen Fällen Forderungen zurückweist, kann nicht bei einem Verkauf amerikanischer Kunst aus einer deutschen Sammlung nationale Tränen verdrücken. Ohnehin ist Nationalität als Argument in der Kunst von beleidigender Provinzialität.

          Wer sich für den Verkauf von Kunstwerken aus öffentlichem Besitz ausspricht, ist leicht zu bekämpfen. Ist eine Nation, die ihren kulturellen Reichtum zum Verkauf stellt, nicht dem Untergang geweiht? Ist sie nicht. Denn darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass auch Kunst wieder verkauft werden kann. Um neue Kunst zu kaufen. Um junge Künstler zu unterstützen. Um defizitäre Theater zu betreiben. Oder um Haushalte zu sanieren. Wenn mit dem Geld der Steuerzahler einst Kunst gekauft wurde, wieso sollen die Steuerzahler nicht vom Wertanstieg profitieren? Das „Problem“ ist kein kleines. Die Stadt Frankfurt hat vor drei Jahren ihren Kunstbesitz mit 2,5 Milliarden Euro bilanziert.

          Ein Verkauf nützt dem Haushalt

          In Deutschland steht eine wachsende Zahl von Museen und Sammlungen einem gleichbleibenden Besucherinteresse entgegen. Man darf fragen, wie viel öffentliches Geld zum Kunstkauf ausgegeben werden muss, wenn immer mehr private Museen eröffnen. Burda, Würth, Buchheim, bald auch SAP-Gründer Plattner in Berlin – die Liste öffentlich zugänglicher Sammlungen von hohem Wert wird nahezu täglich länger.

          Die Erfahrung zeigt, dass die Bilder eben nicht in Privatsammlungen verstauben, sondern zur Schau gestellt werden, dafür spricht schon der verlässliche Drang nach Anerkennung der Käufer. Ohnehin sind die Bilder nicht weg, sie sind nur woanders. Das ist bei Theater, Schauspiel, Ballett und Oper anders – sie würden ohne staatliche Subventionen verarmen. Auflagen beim Verkauf eines Bildes, etwa die Pflicht, es zeitweise öffentlich zugänglich zu machen und für wissenschaftliche Arbeiten bereitzustellen, würden reichen.

          Für den Kunstbetrieb ist der Staat als Käufer ein verlässlicher Partner. Die Sicherheit, dass die öffentliche Hand schon kaufen wird, mindert das Risiko eines Preisverfalls. Mit Verweis auf nationale Bedeutung des Objektes und den Ruhm der Käufer wandert so manches in die Depots. Und wenn das Steuergeld nicht reicht, helfen Sparkassen und Fördervereine. Wer sonst außer dem Staat kauft ganze Nachlässe und sichert so unfreiwillig den Wert der verbliebenen handelbaren Objekte?

          Mit moralischem Druck wird ein Markt zementiert, von dem vor allem Privatsammler profitieren. Das kann nicht die Aufgabe des Staates sein. Tatsächlich sind abseits der großen Häuser nicht wenige der 6300 Museen überfordert – finanziell und organisatorisch, der Platz fehlt und auch die Konzeption. Gibt es eigentlich noch ein Regionalmuseum ohne ein Nagelbild von Günther Uecker?

          Der existentielle Wert von Kunst steht außer Frage. Das bedeutet nicht, dass die öffentliche Hand einen ob seiner Bedeutung vollkommen umnebelten Kunstmarkt subventionieren muss. Hie und da ein Verkauf schärft die Sinne, macht Geld frei für Neues und ja, dem Haushalt nützt es auch.

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