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Verhaltensökonomie : Steuerschecks für alle

„Es muß ein Ruck durch Deutschland gehen” Bild: Dieter Rüchel

Wir stehen vor der schlimmsten Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik. Jetzt muss der Staat handeln. Und die Bürger zum Einkaufen animieren.

          Nun muss der Staat helfen, denn die Lage ist dramatisch. Auch wenn sich auf der Straße noch keine Schlangen von Arbeitslosen bilden und sich noch keine Spekulanten erschießen wie in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 - es droht eine Rezession, wie sie die Bundesrepublik noch nicht gesehen hat. "In einigen Branchen sind die Aufträge um 60 Prozent eingebrochen", sagt Michael Hüther, der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. "Die Unternehmen kommen gar nicht so schnell hinterher, ihre Kapazitäten anzupassen."

          Täglich neue Schreckensmeldungen. Die Firmenteile der Tageszeitungen malen tiefschwarz. Opel steht am Abgrund. BASF schließt vorübergehend 80 Anlagen. Und selbst Daimler verkündet Kurzarbeit. Nächstes Jahr stehen Massenentlassungen bevor: Jedes dritte Unternehmen will Stellen streichen. Die nüchterne Bundesbank spricht vom "größten Abschwung der Nachkriegsgeschichte".

          Ausgerechnet jetzt versagt die Zentralbank

          Ausgerechnet jetzt versagt die Institution, auf die im Abschwung sonst alle setzen: die Zentralbank. In normalen Zeiten kann sie die Zinsen senken - und die Unternehmen investieren wieder, weil Kredite billiger werden. Aber in dieser Krise ist nichts normal. Die Welt hat schon einen Zinssenkungswettlauf hinter sich. Jetzt sind die Zinsen überall niedrig. Trotzdem investieren die Unternehmen nicht.

          "Die Geldpolitik wirkt nicht wie sonst", sagt Dirk Schumacher, Deutschland-Chefvolkswirt von Goldman Sachs. Das Geld, das die Zentralbanken billig abgeben, kommt bei den Unternehmen nicht an. Die Banken sind wegen der Finanzkrise in der Kreditvergabe vorsichtig geworden. Und an den Kapitalmärkten verlangen die Investoren hohe Risikoaufschläge. Beispiel BMW: Noch vor einem Jahr musste der bayerische Autohersteller weniger als fünf Prozent Zinsen zahlen, wenn er eine Anleihe auflegen wollte. Jetzt sind es fast neun Prozent.

          Widerwillig zurück zu Keynes

          In dieser Lage empfehlen selbst Ökonomen, die sonst wenig mit John Maynard Keynes (1883 bis 1946) im Sinn haben, auf den britischen Altmeister zu hören (Wege aus der Rezession: Zurück zu Keynes?). "Keynesianische Situation" nennen sie eine Lage, in der Zinssenkungen die Konjunktur nicht mehr beflügeln. Keynes malt für solche Fälle ein düsteres Szenario: Die Unternehmen investieren nicht mehr, viele gehen pleite, die Arbeitslosigkeit steigt, der Konsum bricht ein. Eine Abwärtsspirale beginnt. Jetzt muss der Staat Vertrauen schaffen, meint Keynes. Er muss selbst die Produktion anstoßen - und so Arbeit und Einkommen schaffen.

          Darum diskutiert Deutschland über ein Konjunkturprogramm. So, wie es die Amerikaner seit längerem praktizieren. Zum ersten Mal seit 20 Jahren sprechen sich sogar die fünf Wirtschaftsweisen für ein solches Programm aus. Selbst Bundesbankpräsident Axel Weber, der sich sonst mit Empfehlungen für die Politik sehr zurückhält, fordert von der Bundesregierung mehr Aktivität. Ein 25-Milliarden-Programm hat Berlin bereits aufgelegt. Aber das reicht offenkundig nicht. Die Wirtschaftsweisen nennen das Paket "putzig", die FDP nennt es "mickrig". Und auch internationale Organisationen von der Europäischen Union bis zur OECD drängen, es müsse mehr kommen.

          Der leichte Weg führt in die Irre

          Aber was? Politiker lassen sich besonders gern Investitionsprogramme einfallen. Der Staat macht Schulden und baut neue Autobahnen, Bahnlinien oder Schulen. Dann bekommt jeder Abgeordnete in seinem Wahlkreis Lob dafür, dass er ein "wichtiges Projekt für die Region" durchgesetzt hat.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

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          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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