https://www.faz.net/-gqe-7tqh9

Banken : Eine dritte Bilanz für die EZB

Die EZB fordert eine weitere Bilanz Bild: dpa

Die EZB fordert von Banken eine weitere Bilanz, bevor sie Anfang November die direkte Aufsicht über 120 Großbanken übernimmt. Das schafft Vergleichbarkeit, führt aber auch zu Verwirrung.

          Die Europäische Zentralbank stellt sich einer schweren Aufgabe. Sie will europäische Bankbilanzen vergleichbarer machen, bevor sie vom 4. November an von bisher zuständigen nationalen Behörden die direkte Aufsicht über 120 Großbanken übernimmt. Die Sorge ist groß, dass nur kurze Zeit später eine dieser Banken ins Wanken gerät und die neue Aufsicht schnell ihren Ruf riskieren müsste. Deshalb braucht die EZB schon jetzt Daten, um Quervergleiche zwischen Banken in Europa zu ziehen.

          Im Auftrag der Zentralbank haben sich deshalb nach der regulären Jahresabschlussprüfung im Frühjahr in diesem Sommer 6000 Wirtschaftsprüfer noch einmal durch 120000 Kreditakten gewühlt und 170000 Sicherheiten wie Immobilien und Schiffe auf Werthaltigkeit geprüft. Man muss keine der 128 betroffenen Großbanken dafür bedauern, dass sie viel Geld für diese Sonderprüfung zahlen muss. Man muss auch keine Bank bemitleiden, wenn die EZB Mitte Oktober bisher vertrauliche Daten wie die Ergebnisse der Bilanzprüfung und des nun laufenden Tests auf Krisenanfälligkeit („Stresstest“) veröffentlichen wird. Man muss allerdings befürchten, dass die EZB ihre neuen 800 Mitarbeiter in der Bankenaufsicht mit dem angeforderten Datenwust überfordert.

          Zum Vorbild genommen hat sich die EZB Italien und Spanien. Die Banken in diesen Ländern mussten ihren nationalen Aufsehern schon bisher vergleichbar viele Zahlen melden. War deshalb in diesen Ländern die Aufsicht über die Banken erfolgreicher als in Deutschland? Die EZB sollte nicht vergessen: Man muss nicht nur viele, sondern vor allem relevante Daten erheben und daraus auch richtige Schlüsse ziehen. Das haben auch deutsche Aufseher nicht immer getan.

          Anleger zweifeln auch sieben Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise daran, dass europäische Banken Wertpapiere und Kredite „zum richtigen Wert“ bilanziert haben. Oft ist ihr Börsenwert nur halb so groß wie die Summe aller bilanzierten Vermögenswerte. Würden Anleger an die Bilanzwerte glauben, müssten sie Bankaktien kaufen und die Aktienkurse sich in Richtung der Buchwerte bewegen.

          Deshalb ist das Ziel der EZB richtig: der Öffentlichkeit den Zweifel nehmen, dass Europas Banken seit Ausbruch der Finanzkrise robuster geworden sind. Denn sie haben zweifellos „giftige“ Wertpapiere und ausfallgefährdete Kredite verringert; sie haben mehr Eigenkapital, um die noch nötigen Wertkorrekturen abzufedern. Allein in Deutschland haben von 24 am Stresstest teilnehmenden Banken mit Deutscher Bank, DZ Bank und Münchener Hypothekenbank drei Institute in diesem Jahr ihr Eigenkapital erhöht. Der Druck der EZB also wirkt.

          EZB schafft auch Unruhe, etwa unter Wirtschaftsprüfern

          Aber die EZB schafft auch Unruhe, etwa unter Wirtschaftsprüfern. Gerade große Prüfungsgesellschaften wie KPMG, PWC und Ernst & Young haben sich zunächst über viele Sonderaufträge der EZB gefreut. Inzwischen sehen sie die Sonderkonjunktur auch mit einem weinenden Auge, denn die EZB schickte nicht dieselben Prüfer in die Banken, die schon den Jahresabschluss testiert hatten. Sie beauftragte konsequenterweise Kollegen von der Konkurrenz. Nun erleben Wirtschaftsprüfer, was jeder Schüler weiß: Niemand lässt sich gerne prüfen.

          Schätzen, messen, wiegen lautet die Aufgabe, wenn Wirtschaftsprüfer in einem Unternehmen die Lagervorräte bewerten. Dabei ist es normal, wenn zwei Prüfer zu unterschiedlichen Preisen für dieselben Gegenstände kommen. In Banken werden Kredite mit Ausfallwahrscheinlichkeiten der Vergangenheit geschätzt. Ein Schatten auf frühere Prüfer und nationale Aufseher fiele dann, wenn Kreditnehmer nicht ihrer richtigen Branche zugeordnet sein sollten. Offenbar wittert die EZB nach entsprechenden Vorfällen in spanischen Banken, dass in ganz Europa riskante Immobilien- und Schiffsfinanzierungen als normale und damit weniger riskante Unternehmenskredite eingestuft wurden.

          EZB hat die gesetzlichen Bilanzierungsregeln IFRS verschärft

          Hinzu kommt: Die EZB hat die gesetzlichen Bilanzierungsregeln IFRS verschärft. Die Sonderprüfer haben einen engeren Bewertungsspielraum für Kredite und Wertpapiere. Damit sollen etwa in Deutschland die drei großen Schiffsfinanzierer HSH Nordbank, Nord LB und Commerzbank zu Wertkorrekturen gezwungen werden. Darüber hinaus stehen etwa 30 europäische Banken mit vielen illiquiden Wertpapieren unter besonderer Beobachtung, darunter die Deutsche Bank. Bisher ist es ihnen von den nationalen Aufsehern erlaubt, mit internen Systemen diese Risiken selbst (klein) zu rechnen. Erst in diesem Jahr hat die deutsche Aufsicht damit begonnen, die Deutsche Bank zu schärferen Risikobewertungen anzuhalten. Offenbar spüren auch die bisherigen Aufseher den Druck der EZB.

          Es ist gut, wenn die EZB die Übernahme der Bankenaufsicht zu einem Neuanfang nutzt. Allerdings sollte sie nicht neue Verwirrung stiften. Schon heute stellen deutsche Banken zwei Bilanzen auf: eine nach deutschem Handelsgesetz und eine nach internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS. Die zweite Bilanz hat die EZB in ihrer Sonderprüfung für untauglich erklärt. Aber IFRS ist Gesetz. Was folgt? Es wird nicht Vertrauen und Übersichtlichkeit fördernd sein, wenn deutsche Banken für die EZB künftig eine dritte Bilanz aufstellen müssen.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Weiter Grund zum Jubeln? Eintracht Frankfurt steht im Achtelfinale der Europa League.

          Europa League : Europareise geht für die Eintracht gegen Inter weiter

          In Marseille, Rom, Charkiw und Limassol war die Frankfurter Eintracht bereits bei ihrer Europareise. Nun muss die letzte verbliebene deutsche Mannschaft in der Europa League gegen Inter Mailand um den Einzug ins Viertelfinale spielen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.