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Verfall der Rupie : Indiens Wachstumstraum fällt in sich zusammen

Deus ex Machina? Raghuram Rajan soll als Gouverneur der Zentralbank die Wende schaffen Bild: REUTERS

Asiens drittgrößte Volkswirtschaft wehrt sich mit dem Mut der Verzweiflung. Kapitalverkehrskontrollen und Einfuhrbeschränkungen sollen den Verfall der Rupie bremsen. Dabei liegt das Problem in der Politik.

          Stolz lag sie da, mächtig und erhaben. Vor einer Woche ließ Indien die INS Vikrant zu Wasser, seinen ersten selbstgebauten Flugzeugträger. Generäle schwadronierten in den Zeitungen, wie man künftig die chinesische Marine in Schach halten werde. Geblendet von der vermeintlichen Stärke, sah sich der Subkontinent als künftige Seemacht. Gut 24 Stunden reichten, um die Blase platzen zu lassen: Stolz wich Entsetzen, als in den Docks von Bombay, ganz ohne Feindeinwirkung, die INS Sindhurakshak explodierte. 18 Seeleute starben im Eisenschrott des Unterseebootes.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Tragödie der indischen Marine ist Sinnbild für den Weg des ganzen Landes. Gerade war es noch Hoffnungsträger Asiens, ein „zweites China“. Mit einer Regierung, die endlich Investoren ins Land lockte, Bürotürmen, die in den Himmel der Wirtschaftshauptstadt Bombay wuchsen, und Flankenschutz aus Amerika und Europa. Die Ausländer baten in Kohorten um Audienzen, um den Indern Investoren anzudienen und Aufträge zu ergattern. Indien erschien sympathischer als die prosperierende Diktatur China, farbenfroher als der Rest Asiens. Metro eröffnete Großmärkte, Volkswagen baute ein riesiges Werk, Airbus verkaufte Flugzeuge, und sogar die Formel1 drehte ihre Runden vor den Toren Delhis.

          Der riesige Subkontinent, das war der Flugzeugträger, der immer schneller Fahrt aufnahm. Wer sollte ihn bremsen? Die Inder selbst. Denn so wie die INS Sindhurakshak noch im sicheren Hafen zerbarst, fällt gerade das Kartenhaus Indien zusammen. Die Regierung hat nach ihrer Wiederwahl 2009 keine einzige wichtige Reform durchgebracht. Politiker haben sich bereichert. Alle drei Monate flog ein neuer Betrugsskandal auf. Streiks quälten das Land. Die Versprechen, Straßen und Kraftwerke zu bauen, verhallten. Das alles wussten die Inder, und die Investoren wussten es auch. Nun aber beschleunigt sich die Kernschmelze. Ausgerechnet bei den Feiern zum 66. Jahrestag der Unabhängigkeit der größten Demokratie der Welt musste der Ministerpräsident Ende vergangener Woche über Fehler und Ängste vor dem Zusammenbruch sprechen. Investoren retten ihr Geld.

          Die Regierung hat nicht regiert

          Die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens steckt im Teufelskreis. Denn der niedrige Außenwert der Rupie verteuert die Einfuhr immer weiter. Indien kauft mehr als 80 Prozent seines Rohöls im Ausland. Hinzu kommen Erz und Kohle, denn die indischen Bergwerke sind unrentabel. Im vergangenen Fiskaljahr (31. März) sanken die ausländischen Direktinvestitionen im Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent. „Indien hat es versäumt, eine bessere Option zu bieten“, meint selbst Arun Maira von der Planungskommission der Regierung.

          Die bösen Begriffe, die es so gerne verdrängt hätte, kreisen wieder über dem Land: „Stagflation“, „Zahlungsbilanzkrise“ und „Junk“ (Müll) für seine Staatsanleihen. Für die Inder bedeuten sie die Wiederkehr eines Albtraums: 1991 hatte die Regierung den verbleibenden Goldschatz nach London ausfliegen müssen, um die Gläubiger zu besänftigen. Der damalige Finanzminister, der das Land dann durch Reformen rettete, ist der heute greise Ministerpräsident Manmohan Singh.

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