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Verfall der Rupie : Indiens Wachstumstraum fällt in sich zusammen

Die Hoffnung auf den Deus ex Machina

Die Industrie stöhnt über Kapitalverkehrskontrollen, die Investitionen im Ausland verhindern. Mit ihrer Einführung wurden ebenjene Erleichterungen rückgängig gemacht, die dieselbe Regierung vor sechs Jahren begonnen hatte. Die Bank Nomura warnt schon vor „Panik“, die der Strauß der Anordnungen auslösen könnte. „Es sieht so aus, als ob die Regierung im Dunkeln tappte und Maßnahmen verkündet, die weder mit der Industrie abgestimmt wurden noch mit Menschen, die ihr etwas zu den Konsequenzen hätten sagen können“, poltert DG Shah, Generalsekretär des Verbandes der Pharmaindustrie.

Den Indern bleibt die Hoffnung auf den Deus ex Machina. Er heißt Raghuram M. Rajan und wird ab dem 4. September als Gouverneur die Notenbank führen. Der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds wurde von seinem derzeitigen Arbeitgeber Chidambaram ins Amt gelobt. Dort wird Rajan ein starkes Rückgrat brauchen. Denn in Indiens Wirtschaftselite tobt ein Kampf um die Rolle der Notenbanker. Noch-Amtsinhaber Duvvuri Subbarao sieht sie so: „Die Zentralbank zielt auf die Kontrolle der Inflation, eben weil sie sich um das Wachstum sorgt.“ Der Finanzminister kontert: „Meine Regierung glaubt, dass das Mandat der Zentralbank zwar in der Tat die Preisstabilität ist, seit dessen Formulierung aber viel Wasser den Ganges hinabgeflossen ist. Heute muss die Preisstabilität als Teil eines umfassenderen Mandates gesehen werden, und das umfasst Wachstum und das Schaffen von Arbeitsplätzen.“ In der Tat fehlt es Indien genau daran. Denn die Politik hat versäumt, die Voraussetzungen für den Aufschwung zu schaffen.

Die politische Blockade wird sich bis ins Frühjahr hinziehen

Allerdings trifft sie das Land in einem schwachen Moment. Denn gleichzeitig geraten alle Schwellenmärkte unter Druck. Weil Amerika seinen Geldhahn noch in diesem Herbst schließen könnte, kehrt sich der Geldstrom um. Spekulanten, die bislang gerne die bekannten Schwächen der Schwellenländer übersahen, aber hohe Zinsen und Kursgewinne an deren Börsen mitnahmen, interessieren sich nun wieder mehr für Amerika. Und plötzlich blinken Unzulänglichkeiten wie hohe Leistungsbilanzdefizite wie eine Warnleuchte. So verliert auch die größte Volkswirtschaft Südostasiens viel Vertrauen: In Indonesien rangiert das Leistungsbilanzminus bei 4,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, auch hier stauen sich Reformen, auch wird bald gewählt.

Noch verfügt die Regierung in Neu-Delhi über ein paar Argumente. Schwellenländer wie Südafrika und die Türkei leben mit höheren Leistungsbilanzdefiziten. Der Vergleich mit der Krise von 1991 ist tatsächlich weit hergeholt: Indien sitzt noch auf einem Devisenschatz von 279 Milliarden Dollar - er reicht für den Import von sieben Monaten. Der gute Monsun wird helfen, die Kaufkraft der Bauern zu steigern. Und lässt sich die Wachstumsrate nicht auf durchschnittlich 7,9 Prozent schönrechnen, legt man nur die vergangenen neun Jahre zugrunde? Hilft nichts mehr, wenden sie den Finger gen Westen: Ist nicht die Geldpolitik der amerikanischen Zentralbank der eigentliche Auslöser der Krise? Und doch bleibt der schale Geschmack des Versagens und der Hilflosigkeit.

Der Wahlkampf mit Wahlgeschenken, seiner grassierenden Korruption und der Blockade der Politiker wird sich bis ins Frühjahr 2014 hinziehen. Welche Regierung das Land ab da auch führt, sie dürfte ein Jahr brauchen, um wirklich Politik machen zu können. So drohen Indien lange Monate, während deren ein großer Teil der Bürger kaum weiß, wie er satt werden soll. Rajan, der Hoffnungsträger, erwies sich bei seinem ersten Auftritt als designierter Zentralbankchef zumindest als gewiefter Redner: „Niemand kann an dem Potential Indiens zweifeln“, sagte er. Das tut auch niemand. Doch immer sehnlicher wird das Warten auf jene, die es zu heben wissen.

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