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Verfall der Rupie : Indiens Wachstumstraum fällt in sich zusammen

Nüchtern betrachtet, hat Indien in den zwei Legislaturperioden unter Singh seine Versprechen gebrochen, weil die Regierung nicht regiert hat: Drei Jahre ist es her, da sprachen die Politiker von zweistelligem Wachstum. Heute liegt es bei nur noch 5 Prozent, zu wenig, um Hunderte Millionen Menschen in Arbeit zu bringen. Zeitgleich ist das Leistungsbilanzdefizit von gut 3 Prozent der Wirtschaftsleistung 2011 auf 4,7 Prozent im vergangenen Jahr angeschwollen. Auch die Inflation lässt sich nicht eindämmen: Gerade die Preise für Lebensmittel steigen weiter zweistellig. Dies belastet die mehr als 800 Millionen Armen besonders - denn sie geben anteilig am meisten Geld für Zwiebeln, Linsen oder Kartoffeln aus. 60 Prozent der Inder arbeiten bis heute in der Landwirtschaft. Sie und die Industrie aber wurden von der Regierung über Jahre links liegengelassen. Die Industrieproduktion legte 2012 noch 1 Prozent zu, im Juni sank sie im Jahresvergleich um 2,2 Prozent.

Die Rupie fällt von Stunde zu Stunde

Seit neun Monaten schrumpfen die Verkäufe von Autos und Lastwagen. Der Export ging 2012 um fast 3 Prozent zurück. Steuern, die auch rückwirkend erhoben werden sollten, verschreckten ausländische Unternehmen. Der Vorzeige-Manager Ratan Tata klagte über den Zwang zur Bestechung. Und Lakshmi Mittal, Chef des weltgrößten Stahlkochers Arcelor Mittal, erklärte: „Für meine Indien-Projekte kann ich keinen Zeitplan nennen, denn wir mussten so viele Verzögerungen hinnehmen.“ Über Jahre blendete die Aussicht, aus dem Agrarland am Ganges gleich eine Technologiemacht mit Pharmaforschung und Softwareschmieden zu formen. In Wahrheit verdingen sich bis heute wohl 90 Prozent der Inder in der informellen Wirtschaft.

Lange beschwichtigte die Regierung nur. Als die Krise sich deutlicher abzeichnete, machte Singh seine Allzweckwaffe Palaniappan Chidambaram zum Finanzminister. Der brachte Reformen ins Parlament ein, wo sie scheiterten, weil die Opposition gar nicht erst zu Aussprache und Abstimmung erschien - die vielen Bestechungsskandale erschienen ihr als Chance, die Singh-Regierung zum Abdanken zu zwingen. Nachdem die Ratingagentur Standard & Poor’s Indien im März mit einer Herabstufung seiner Bonität drohte, tourte Chidambaram nach Hongkong und London, Frankfurt und New York, um Investoren zu ködern. Er scheiterte.

Die Rupie fällt von Stunde zu Stunde. Im Sommer 2011 kostete der Dollar noch 45 Rupien, ein Jahr später 55, in diesem Sommer durchbrach sie die Schallmauer von 60, am Dienstag steuerte sie auf die 64 zu. Am Freitag nach dem indischen Unabhängigkeitstag eröffnete die Börse mit einem Minus von 4 Prozent - es war der schlimmste Handelstag seit 2011. Gegen den massiven Verkauf der Rupie kämpft Chidambaram nun mit vielen kleinen Pfeilen, manche davon sind stumpf, manche fliegen in die falsche Richtung. Die inzwischen dreimal verschärften Importbeschränkungen für Gold verärgern jene Inder, die ihre Ersparnisse in Goldschmuck sichern. Und sie heizen Schmuggel und Bestechung an. Am Montag verkündete Indien sogar einen Einfuhrstopp für Flachbildschirme, die sich Flugreisende aus Singapur oder Bangkok mitbrachten.

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