https://www.faz.net/-gqe-79b1i

Vereinigte Staaten : Die Fed wartet ab – und schließt weniger Anleihekäufe nicht aus

Ben Bernanke Bild: AP

Ben Bernanke, der Vorsitzende der Federal Reserve, warnt vor einer verfrühten Straffung der Geldpolitik. Die Fed ist unsicher, wann sie beginnen soll, die Anleihekäufe von 85 Milliarden Dollar im Monat zu verringern. Die Aktienmärkte an der Wall Street drehen ins Minus.

          Der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, hat die expansive Linie der Federal Reserve verteidigt und vor einer „verfrühten Straffung“ der Geldpolitik gewarnt. Diese würde das substantielle Risiko mit sich bringen, dass die wirtschaftliche Erholung verlangsamt oder beendet würde oder die Inflation weiter fiele, sagte Bernanke am Mittwoch in einer Anhörung vor dem Kongress.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Er gab keine klaren Hinweise darauf, ob die Federal Reserve in absehbarer Zeit die Anleihekäufe im Rahmen der quantitativen Lockerung verringern werde, wie es manche Mitglieder des Offenmarktausschusses fordern. „Wir könnten bei einem der nächsten Treffen das Tempo der Käufe einen Schritt zurücknehmen“, sagte Bernanke zwar. Das hänge aber von der wirtschaftlichen Entwicklung ab, schränkte er die Aussage sofort ein.

          Aktienkurse rutschen von Rekorden ins Minus

          Schon die Erwähnung der Möglichkeit geringerer Anleihekäufe belastete die Aktienmärkte, an denen Bernankes Mahnung vor einer „verfrühten Straffung“ die Kurse zunächst noch auf Rekordhochs hatten steigen lassen. Der amerikanische Leitindex Dow Jones stieg im frühen Aktienhandel auf das Rekordhoch von 15.542 Punkten, drehte aber ins Minus und ging mit minus 0,5
          Prozent und 15.307 Punkten aus dem Handel. Der S&P-500-Index verlor 0,8 Prozent auf 1655 Punkte.

          Schon die Erwähnung der Möglichkeit geringerer Anleihekäufe belastete die Aktienmärkte, an denen Bernankes Mahnung vor einer „verfrühten Straffung“ die Kurse zunächst noch auf Rekordhochs hatten steigen lassen. Der deutsche Aktienindex Dax stieg in der Spitze auf ein Rekordhoch von 8558 Punkten und lag zum Handelsschluss nur noch 0,7 Prozent im Plus bei 8531 Punkten.

          Der Dollar gab an den Devisenmärkten zunächst nach, gewann dann aber rasch an Wert. Zum Börsenschluss an der Wall Street wurde ein Euro nur noch um 1,285 Dollar gehandelt, nachdem der Kurs am Vormittag noch fast 1,30 Dollar erreicht hatte. Der deutsche Aktienindex Dax stieg in der Spitze auf ein Rekordhoch von 8558 Punkten und lag zum Handelsschluss nur noch
          0,7 Prozent im Plus bei 8531 Punkten.faz

          Offenmarktausschuss uneins

          Die Fed kauft seit Jahresbeginn jeden Monat für 85 Milliarden Dollar Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere. Bernanke unterstrich, dass eine Verringerung des Ankaufvolumens nicht automatisch der Anfang vom Ende der quantitativen Lockerung wäre. Die Fed könne das Volumen sowohl senken wie erhöhen, in Abhängigkeit von der Wirtschaftslage.

          Das hatte der Offenmarktausschuss der Notenbank auch schon nach seiner Sitzung Anfang Mai erklärt. Wie aus dem am Mittwoch veröffentlichten Sitzungsprotokoll hervorgeht, wollte der Ausschuss damit seine geldpolitische Flexibilität in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Entwicklung aufzeigen.

          Im Offenmarktausschuss ist nach dem Protokoll umstritten, welche wirtschaftlichen Bedingungen hinreichend und nötig seien, um an eine Verringerung der Anleihekäufe zu denken. Einzelne Mitglieder dringen auf eine Ausweitung. Einige wenige wollen das Programm schnell beenden und sind besorgt, dass die Verhältnisse an einigen Anleihemärkten zu „beschwingt“ seien – als Folge der monetären Liquiditätsgaben der Fed.

          Die Fed insgesamt ist unsicher über den weiteren Verlauf und will die Finanzmärkte bewusst in Unsicherheit halten, um eine Überreaktion zu verhindern. Denn sobald an den Finanzmärkten der Eindruck aufkommt, die Fed werde die quantitative Lockerung bald beenden, würde das die Zinsen unerwünscht schnell steigen lassen.

          Geringer Preisdruck

          Zuletzt ist neben Sorgen über die bessere, aber schleppende Erholung am Arbeitsmarkt der geringe Preisdruck als mögliche Sorge hinzugekommen. Bernanke betonte, die lockere Geldpolitik habe dazu beigetragen, Deflationsdruck und einen noch weiteren Fall der Inflationsrate unter das mittelfristig angestrebte Ziel von 2 Prozent zu verhindern. Im März lag die Inflation nach dem von der Fed bevorzugten Maß bei 1 Prozent. Bernanke erklärte, dies liege nicht nur am Fall der Energiepreise. Auch der Preisdruck für Verbrauchsgüter sei zurückgegangen.

          Volkswirte werteten seine Worte als Signal, dass die Fed zunächst abwarten wolle. Die nächste Sitzung des Offenmarktausschusses ist am 18./19. Juni. Der Präsident der regionalen Fed von New York, William Dudley, erklärte am Mittwoch, dass man erst in drei bis vier Monaten sehen werde, ob die Wirtschaftserholung stark genug sei, um die quantitative Lockerung zurückzunehmen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Skandal um Ibiza-Video : Kurz will FPÖ-Innenminister Kickl loswerden

          Das Ende der Koalition von ÖVP und FPÖ in Österreich reißt tiefe Gräben zwischen den Parteien auf. Kanzler Kurz verurteilt die „offenen Angebote der Korruption“ Straches und rechnet mit strafrechtlichen Konsequenzen. Nun soll auch Innenminister Kickl gehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.