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Verdacht auf Insidergeschäfte : EADS in der Gerüchteküche

  • Aktualisiert am

Start des A380: Wer wusste wann Bescheid? Bild: ddp

Dem Airbus-Mutterkonzern EADS steht wegen des Verdachts auf Insidergeschäfte womöglich die schlimmste Krise bevor, die der Flugzeugbauer je erlebt hat. Schon macht das Wort Staatsaffäre die Runde. Dabei ist völlig unklar, was am Ende von den Verdächtigungen übrig bleibt.

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          Wie ein Wirbelsturm bricht die „Insideraffäre“ über den Airbus-Mutterkonzern EADS herein. Praktisch das gesamte Management sowie die Hauptaktionäre stehen unter Verdacht, die Börsen irregeführt und auf Kosten Gutgläubiger Millionengeschäfte mit Aktien gemacht zu haben. Bewahrheitet sich das, ist es die schlimmste Krise, die der größte europäische Flugzeug- und Raketenbauer je erlebt hat. Dann drohten sogar teure Sammelklagen von Aktionären in den USA. Schon fordern Aktionärsschützer die Ablösung des kompletten Verwaltungsrats und die Pariser Opposition malt eine Staatsaffäre an die Wand. Dabei ist völlig unklar, was am Ende von den Verdächtigungen übrig bleibt.

          Die Basis der Verdächtigungen ist eine interne Notiz der Pariser Börsenaufsicht AMF an die Staatsanwaltschaft, die wie sie wegen desselben Insiderverdachts ermittelt. Darin hält die AMF Verdachtsmomente fest, die starken Eindruck machen: 1200 EADS-Manager haben parallel vor dem Kurseinbruch von Juni 2006 mit ihren Aktien Kasse gemacht. Und die Großaktionäre Lagardère und DaimlerChrysler taten dies mit Termingeschäften ebenfalls, obwohl sie ihre Titel eigentlich erst später abgeben wollten. Doch bisher hat die AMF niemanden beschuldigt. „Die Betroffenen haben ihr Recht auf Verteidigung noch nicht ausüben können“, erklärt die Behörde. Es ging um den Austausch von Information zwischen Ermittlern. Die Fakten sollen erst im kommenden Jahr bewertet werden.

          Großaktionär Lagardère gerät unter Druck

          Aber jemand hat den Bericht lanciert. Der Wirbelsturm droht nun als ersten den Großaktionär Arnaud Lagardère fortzureißen. Die Staatsbank Caisse des Dépôts (CDC), die mit Partnern 7,5 Prozent der EADS-Anteile von Lagardère übernommen hat, will auf Schadenersatz klagen, wenn sich der Verdacht bestätigt. Die Lagardère-Aktie ist deswegen eingebrochen. Und der Unternehmer, der schon von Präsident Nicolas Sarkozy gezwungen wurde, die Co-Präsidentschaft von EADS aufzugeben, gerät weiter unter Druck.

          Bild: F.A.Z.

          Wenn Lagardère das Handtuch wirft, soll der mit Sarkozy befreundete Flugzeugbauer Dassault bereit stehen, seine EADS-Anteile zu übernehmen. Serge Dassault ist Besitzer des „Figaro“, der mit seiner Titelstory über den AMF-Bericht den Wirbelsturm auslöste. Das Konkurrenzblatt „Libération“ wähnt daher „politische Hintergedanken“. Lagardère droht juristische Schritte an, um den erlittenen Schaden zu begleichen.

          Auch Thomas Enders gerät in die Schusslinie

          Wer Verschwörungstheorien liebt, mag sich auch an der Nennung des deutschen Airbus-Chefs Thomas Enders ergötzen. Der damalige EADS-Co-Chef war bisher etwas aus der Schusslinie, weil er nicht wie andere im Frühjahr 2006 Aktien verkauft hatte. Das tat der in Frankreich unbeliebte Manager schon am 22. und 24. November 2005, und das wird ihm jetzt vorgehalten. Denn damals wurde bei Airbus bereits über Verzögerungen beim A380 diskutiert.

          Allerdings hatte Airbus schon im Mai 2005 die erste A380-Verzögerung um sechs Monate bekannt gegeben. Am 6. März 2006 wurde die interne Produktionsplanung von 29 auf 24 A380 zurückgenommen. Das entsprach der Menge, die Airbus dem Markt versprochen hatte. Im April 2006 bestellte Airbus dann eine externe Prüfung, die am 13. Juni das ganze Ausmaß der Verzögerungen an den Tag brachte. Ob jemand wie Enders schon vorher wusste, wie der Hase lief, müssen die Ermittler klären. Die AMF interessiert sich für Enders auch deswegen, weil es sein kann, dass er den Markt zu spät informiert hat.

          Opposition will parlamentarische Untersuchung

          Doch die Wogen der Empörung schlagen noch höher: Die französische Opposition und manche Zeitungen wittern jetzt eine Staatsaffäre. Denn wenn die Regierung die vermuteten Insiderdelikte deckte, dann hat sie die Aktienkäufer ins Messer laufen lassen. Beim Verkauf des Lagardère-Anteils hatte der Staat mitzureden, weil beide in einem Aktionärspakt verbunden sind. Die Sozialisten und ein Teil der Presse fordern deshalb eine parlamentarische Untersuchung. Pikant: Wäre der Staat Komplize, hätte er wissentlich die Staatsbank CDC geschädigt, über die er Industriepolitik betreibt.

          Für EADS kommen die Schlagzeilen zum denkbar schlechten Zeitpunkt. Der Konzern steckt mitten im schwierigen Verkauf mehrerer Werke und ist auf der Suche nach Risikopartnern für die A350. Gleichzeitig läuft das Sanierungsprogramm „Power8“ auf Hochtouren und die Gewerkschaften sind verärgert. Die Erstauslieferung der A380 mit zwei Jahren Verspätung am 15. Oktober und die Erneuerung des Verwaltungsrates eine Woche drauf gäben jetzt die Gelegenheit, mit demonstrativem Optimismus nach vorne zu schauen. Die neuen Schlagzeilen um den alten Insiderverdacht verhindern das.

          Insiderhandel

          Insider sind Manager und andere Führungskräfte mit Zugang zu börsenrelevanten und öffentlich noch nicht bekannten Informationen. Wenn sie mit diesem exklusiven Wissen risikolos und zum eigenen Vorteil Wertpapiere kaufen oder veräußern, kann dies in Deutschland wie in den meisten Länder der Europäischen Union strafrechtlich verfolgt werden. Auch die Weitergabe von Insidertipps ist verboten.

          Bei Verstößen gegen das Wertpapierhandelsgesetz drohen in Deutschland Geldstrafen oder Haftstrafen bis zu fünf Jahren. Das Gesetz verpflichtet Unternehmen, kursrelevante Nachrichten sofort zu veröffentlichen, damit an der Börse gleiche Bedingungen für den Handel bestehen. In Deutschland ist die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) für die Überwachung der Börsengeschäfte zuständig. Bei allen Arten von Wertpapierdelikten verzeichnet die polizeiliche Kriminalstatistik für 2006 insgesamt 33 Fälle. Urteile wegen verbotenen Insiderhandels sind selten.

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